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USA ohne Top-Bonität: Wie reagieren die Märkte?

Börsen auf TalfahrtGroßansicht

Washington/Berlin (dpa) - Die USA haben erstmals in der Geschichte die Bestnote als zuverlässiger Schuldner verloren. Nun wartet die Welt gebannt auf die Reaktion der Märkte für Aktien, Anleihen und Devisen.

Nach der rasanten Talfahrt der internationalen Börsen besteht die Sorge, dass der Kursrutsch weitergeht, die flaue US-Konjunktur weiter leidet und all dies die Weltwirtschaft in einen neuen Abwärtsstrudel reißen könnte. Für zusätzlichen Zündstoff sorgt die europäische Schuldenkrise, über deren Bewältigung nur knapp drei Wochen nach dem jüngsten Euro-Krisengipfel schon wieder gestritten wird.

Mit der Abstufung der US-Bonität durch die Rating-Agentur Standard & Poor's wankt ein Eckpfeiler des weltweiten Finanzsystems - Experten rätseln darüber, wie sich dies auf die Märkte auswirken wird. Der Schritt war zwar erwartet worden, kommt aber nach einer Woche mit den schwersten Verlusten an den Weltbörsen seit dem Herbst 2008, als die Finanzmärkte infolge der Pleite der US-Investmentbank Lehman Brothers kollabiert waren. Standard & Poor's hält es für möglich, dass es Jahre dauert, bis die USA ihre Topbonität zurückerhalten.

Märkte und Politiker sind angesichts dieser bedrohlichen Lage in höchster Alarmstimmung. Die Finanzminister und Notenbankchefs der wichtigsten Industrienationen (G7) wollten sich nach Informationen der japanischen Nachrichtenagentur Kyodo telefonisch über die heftigen Irritationen an den weltweiten Finanzmärkten beraten. Auch die Eurozonen-Notenbanken wollten sich nach Informationen der Nachrichtenagentur Bloomberg am Sonntag kurzschließen und über die heikle Lage sprechen. Unabhängig von der verminderten Kreditwürdigkeit verteidigte US-Präsident Barack Obama seine Finanzpolitik.

Frankreichs Präsident Nicolas Sarkozy und Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) wollten nach einem Bericht des französischen «Journal du Dimanche» zunächst keine weiteren Erklärungen veröffentlichen. Nach den vergleichsweise guten US-Arbeitsmarktzahlen vom Freitag solle nun Montag und Dienstag die Entwicklung an den Börsen beobachtet werden.

Die Ratingagentur Standard & Poor's (S&P) hatte am Freitag den USA die Bestnote «AAA» entzogen und die Bonität auf «AA+» abgestuft. Die Agentur begründete dies mit dem jüngsten Schuldenabkommen. Die angepeilten Einsparungen reichten zur Finanzkonsolidierung nicht aus. Außerdem wurde die Berechenbarkeit der US-Politik in Frage gestellt. Die beiden anderen wichtigen US-Ratingagenturen Moody's und Fitch hielten an der Bestnote fest. Konsequenz eines schlechteren Ratings können höhere Zinsen für die Aufnahme frischen Geldes sein: Die USA müssten dann neben der Tilgung ihrer riesigen Schulden zusätzlich eine wachsende Zinslast schultern.

S&P-Geschäftsführer John Chambers warnte am Sonntag, dass die US-Kreditwürdigkeit ein weiteres Mal heruntergestuft werden könnte, sollte sich die Finanzlage des Landes weiter verschlechtern. Die Chancen für einen solchen Schritt bezifferte er mit 1:3. «Wenn sich die fiskale Lage der USA weiter verschlechtert oder sich der politische Stillstand weiter verfestigt, dann könnte das zur Herabstufung führen», sagte Chambers dem Sender ABC. Weiter sagte er, die Geschichte lehre, dass es bis zu einer Wiederhochstufung der USA eine ganze Weile dauern könne.

Im Windschatten des US-Schuldendebakels streitet die EU schon wieder heftig über die Instrumente zum Kampf gegen die Euro-Schuldenkrise. Heftigen Gegenwind spürt vor allem EU-Kommissionspräsident José Manuel Barroso, der am Donnerstag eine Überprüfung aller Elemente des Rettungsschirms EFSF einschließlich dessen finanzieller Ausstattung verlangt hatte. Der Vorstoß des Portugiesen provoziert weiter heftige Kritik.

SPD-Chef Sigmar Gabriel warf Barroso vor, er habe mit seinen Äußerungen zu einer Aufstockung des Euro-Rettungsschirms die Märkte verunsichert. «Die Krise, die man eigentlich verhindern will, wird durch das, was Barroso getan hat, eher beschleunigt», sagte Gabriel im ZDF-Sommerinterview vom Sonntag. Der CDU-Europaabgeordnete Elmar Brok rügte am Samstag im Deutschlandfunk: «Brüssel, muss man sagen, hat in dieser Woche nicht geschickt reagiert, weil es die Nerven verloren hat.» Es gebe «zu viele Politiker, die in dieser Frage den Mund nicht halten können». Bereits am Freitagabend hatte der Vorsitzende der Euro-Gruppe, der luxemburgische Premier Jean-Claude Juncker angesichts irrationaler Finanzmärkte «aktive Ruhe» statt fortgesetzten Streits verlangt.

Als erstes öffnen am Montag (Ortszeit) die Finanzmärkte in China und Fernost, dann folgen die europäischen Börsen - anschließend beendet die Wall Street in New York den Reigen. Der Chefvolkswirt der Deutschen Bank, Tom Mayer, rechnet mit weiteren Kurseinbrüchen an den Börsen. «Schlechte Nachrichten sind immer unangenehm für Märkte», sagte Mayer im Gespräch mit «Bild am Sonntag». Er rechne zwar nicht mit einem weltweiten Börsencrash, aber: «Es könnte Verluste geben.» Der «Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung» sagte er: «Ob sich solche Entwicklungen zu einem Sommergewitter oder einem Tornado zusammenbrauen ist schwer vorherzusehen.»

Ungewöhnlich scharfe Kritik an den USA kam aus China. Die amtliche Nachrichtenagentur Xinhua schrieb: «Amerika muss für seine Schuldensucht und das kurzsichtige politische Gezerre bezahlen.» Als größter Gläubiger Amerikas habe China jedes Recht zu verlangen, «dass die USA ihre strukturellen Schuldenprobleme in den Griff bekommen und die Sicherheit chinesischer Dollar-Anlagen sicherstellen». Außerdem stellte Peking erneut die bislang führende Rolle des Dollars infrage. Es müsse über Alternativen zum Dollar als Reservewährung nachgedacht werden. Die amtliche Agentur agiert häufig als Sprachrohr der Regierung.

Nach der Herabstufung der USA gibt es nur noch vier führende Industrienationen (G7) mit der Bestnote der Agentur: Deutschland, Frankreich, Großbritannien und Kanada.

In Europa sind die Beschlüsse zur Euro-Stützung sind bereits gefasst - eine praktische Wirkung steht aber noch aus. Die 17 Staats- und Regierungschefs der Eurogruppe hatten bei einem Sondergipfel am 21. Juli ein ganzes Bündel von Maßnahmen gegen die Schuldenkrise beschlossen. Es kann aber erst in Kraft treten, wenn entsprechende Gesetzestexte ausgearbeitet und von den nationalen Parlamenten beschlossen worden sind.

Derzeit arbeiten Experten der EU-Kommission in Brüssel, der EZB und der EU-Mitgliedsstaaten unter Hochdruck daran, die Beschlüsse im Detail auszuformulieren. Dabei geht es um ein zweites Hilfspaket für Griechenland und die Ausweitung der Aufgaben des Euro-Krisenfonds EFSF. Anfang September könnte diese Arbeit erledigt sein und die Texte den nationalen Parlamenten zur Verabschiedung vorgelegt werden.

Derzeit hängen die hoch verschuldeten Euroländer Griechenland, Irland und Portugal am internationalen Finanztropf. Die Sorge wächst, dass Spanien und vor allem Italien als nächste in den Strudel der Schuldenkrise geraten könnten.

Finanzen / USA
07.08.2011 · 21:55 Uhr
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