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Ungläubiges Staunen in Toulouse

Die Menschen in der beschaulichen Rue Sergent Vigne in Toulouse wurden von der Polizei-Aktion aus dem Schlaf gerissen. Foto: Caroline BlumbergGroßansicht

Toulouse/Paris (dpa) - Der mutmaßliche Serienmörder von Toulouse ist gestellt. Bei aller Erleichterung sitzt der Schock tief. Der Mann ist angeblich ein Al-Kaida-Extremist, der lange ein unauffälliges Leben führte.

Es ist kurz nach drei Uhr morgens in der beschaulichen Rue Sergent Vigne in Toulouse. Die Bewohner eines unscheinbaren Mehrfamilienhauses werden durch ungewohnten Krach und Schreie brutal aus dem Schlaf gerissen. «Wir hörten auf einmal Schüsse und dann begannen die Anrufe der Journalisten. Es klingelte und klingelte - man sagte uns, es gebe ein Problem in unserem Viertel», schilderte eine resolute Bewohnerin später die Ereignisse.

Das «Problem» entpuppte sich als Polizeisturm. Die Bewohner des ruhigen Wohnviertels Cote Pavée waren ungewollt Augen- und Ohrenzeugin eines Angriffs französischer Elite-Polizisten auf die Wohnung des «Staatsfeindes Nummer eins», des mutmaßlichen Serienmörders von Toulouse geworden. Der 24-jährige Mohammad Merah, der im Verdacht steht, sieben Menschen kaltblütig erschossen zu haben, hatte bereits auf die Polizisten gewartet. Durch die geschlossene Tür feuerte er auf die Beamten, zwei wurden von Kugeln getroffen.

Sein Waffenarsenal war beeindruckend, dazu zählten auch automatische militärische Waffen. Eine Kalaschnikow und eine Uzi, berichtete Innenminister Claude Guéant frühmorgens am Einsatzort. Waffen, die für ein wirkungsvolles Töten im Krieg gemacht sind. Der mutmaßliche Killer, der in einem in der Nähe des Hauses geparkten Wagen weitere Waffen gehortet hatte, zeigte sich nach der ersten Schießerei sehr auskunftsfreudig.

Er beschrieb sich nach Angaben von Innenminister Claude Guéant selbst als «Mudjahidin«, der den gewaltsamen Tod palästinensischer Kindern rächen wollte und ein Zeichen gegen die französische Militärpräsenz in Afghanistan setzen wollte. In Pakistan sei er gewesen, in Afghanistan auch, und dem Terror-Netzwerk Al-Kaida stehe er nahe. Informationen, die einer ungläubig staunenden Nation zum Frühstück serviert wurden.

Marielle stand zwei Straßen weiter noch im Pyjama mit ihrem Mann Herve im Vorgarten. Sie hatten den Einsatz verschlafen, auch wenn Herve ein Geräusch «wie das harte Zuschlagen einer Tür» vernahm. «Wir haben gestern Abend noch gesagt, dass es im Grunde sogar jemand sein könnte, der in der Nachbarschaft wohnt - niemand kennt doch heute noch seine Nachbarn», meinte sie.

Der mutmaßliche Mörder hat vor einiger Zeit sogar einem Nachbarn beim Transport eines Sofas geholfen, sagt dessen Vater Eric Lambert. Er beschrieb den Verdächtigen als diskreten und äußerst höflichen jungen Mann. Selbst frühere Weggefährten aus einem Problemviertel im Norden Stadt waren sprachlos. «Meine Freundin hat mich angerufen und mir gesagt, dass der Serienkiller gestellt worden sei», sagt Karl, ein junger Schwarzer. «Als ich das TV eingeschaltet habe, wollte ich es kaum glauben».

Vor der Absperrung des Einsatzortes diskutierte er mit Freunden das unglaubliche Doppelleben des einstigen Weggefährten, der in Afghanistan und Pakistan war und nun ausgerechnet in diesem ruhigen Viertel als Verdächtiger auftauchte. Das sollte nun der eiskalte Serienkiller sein, der innerhalb weniger Tage einen Lehrer und drei Kinder vor einer jüdischen Schule sowie drei Soldaten kaltblütig per Kopfschuss umbrachte? Auch bei der Trauerfeier für die getöteten Soldaten im Nachbarort Montauban stieß diese Information auf Unglauben.

Denn bei seinen Bekannten galt der junge Mann stets als still und bescheiden. Ein paar kleinere Delikte, das ja. Auch kleinere Diebstähle, Handtaschen-Raub. Aber keine Drogen, wie es in seinem Wohnviertel verbreitet war. «Er verschwand für einen längeren Zeitraum», sagt Carl, der seinen Nachnamen nicht nennen will. Vor zwei Monate habe er ihn in der Moschee im Wohnviertel der Mutter getroffen, «Er wirkte normal», sagt er. Sein Bruder war da weitaus radikaler, meinte er. «Ich bin geschockt», ergänzt sein einstiger Freund Mehdi Nedder mit zitternder Stimme.

Der Anwalt des mutmaßlichen Serienmörders, Christian Etelin, kennt ihn nach eigenen Angaben seit 2004 und hat ihn zuletzt wegen eines Autounfalls verteidigt. Er äußerte sich fassungslos angesichts der Radikalisierung eines jungen Mannes, den er trotz diverser kleinkrimineller Delikte als höflich und diskret bezeichnet. «Diese Entwicklung war nicht absehbar», sagte er dem TV-Sender BFM.

Terrorismus / Frankreich
21.03.2012 · 15:32 Uhr
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