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Umstrittener Verfassungsschützer bleibt rätselhaft

Helmut RoewerGroßansicht

Erfurt (dpa) - Inzwischen schreibt er auch Weihnachtsgeschichten für Kinder. Früher entschied er über die Bezahlung zwielichtiger Spitzel. Der ehemalige Thüringer Verfassungsschutzchef Roewer wird jetzt von einer wenig heimeligen Vergangenheit eingeholt.

Wer über den heute 61-Jährigen recherchiert, findet genug unkonventionelle bis bizarre Aktionen - von einer Demo-Observation per Fahrrad bis zum Auftritt im Ludendorff-Kostüm beim Weimarer Kulturstadtjahr 1999. Was in seiner Amtszeit von 1994 bis zur Suspendierung 2000 tatsächlich im Behördenhochhaus am Erfurter Stadtrand vor sich ging, erschließt sich daraus kaum - ebenso wenig, welchen Anteil er an den Pannen, Affären und Schlammschlachten der Behörde in seiner Amtszeit hatte.

Der einstige Panzeroffizier und promovierte Jurist mit einer Ader für beißenden Sarkasmus war 1994 aus dem Bundesinnenministerium nach Erfurt gekommen. Er schilderte später, dass er wegen eines «erschreckend hohen Anteils parteipolitischer Versorgungsfälle» massive Umbesetzungen vorgenommen habe. Die Personalpolitik und eine als unbürokratisch bis chaotisch geschilderte Amtsführung nährten innere Konflikte, die Ende der 90er Jahre eskalierten. Unterstützung hatte der parteilose Roewer bis 1999 vor allem von SPD-Innenminister Richard Dewes.

Dessen 1999 ins Amt gekommener Nachfolger Christoph Köckert (CDU) schasste Roewer, als im Frühjahr 2000 der bekannte Neonazi Thomas Dienel als bezahlter Informant aufflog. Auch bei der SPD verlor Roewer in diesen Monaten die Unterstützung. Köckert begründete den Schritt vor allem mit dem «GAU» ständiger Indiskretionen aus dem Amt. Verfassungsschutzmitarbeiter sprachen später von einer scharfen Frontstellung zwischen einem Roewer-Lager und einem Lager um seinen Stellvertreter.

In seiner Amtszeit warb Roewer für mehr argumentative Auseinandersetzung gegen rechtsextremistische Parolen. Das Dritte Reich nur durch die «Moralbrille» zu sehen, wecke bei jungen Leuten Widerwillen. Roewer sprach von «intellektuellem Nachrüstungsbedarf» auch bei Lehrern, um den immer besser geschulten Neonazis entgegentreten zu können. Gleichzeitig sprach sich Roewer 1999 für ein NPD-Verbot aus.

Im «Kerngeschäft» der Behörde steht als Bilanz seiner Amtszeit eine damals heillos zerstrittene Behörde - und die erfolglose Suche nach den drei Jenaer Bombenbastlern. Nach der Suspendierung strengte das Land noch einen Untreue-Prozess gegen Roewer an, wegen der konspirativen Bargeldwirtschaft im Amt. Roewer, der sich damit per «Intrige» in seiner Ehre angegriffen fühlte, bezeichnete das Netz aus Tarnexistenzen und falschen Aliasnamen als üblich. Das Verfahren wurde gegen eine Auflage von 3000 Euro eingestellt. Offen blieb, wer die geheimnisvolle Quelle «Günter» war, die laut den Quittungen in Roewers Panzerschrank rund 40 000 Mark Informantenhonorar erhalten hatte - bis heute ist unklar, ob es «Günter» überhaupt gab.

Extremismus / Kriminalität
17.11.2011 · 22:14 Uhr
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