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Trauer und Wut: «Keiner sagt Entschuldigung»

Duisburg (dpa) - Die Lichter von Hunderten Kerzen sind schon aus der Ferne zu sehen. Fast auf der ganzen Breite ist der Bürgersteig in Duisburg gefüllt mit Grablichtern, Blumen, Plüschtieren, Briefen - und Anklagen.

«Und keiner hat Schuld - jeder Vollidiot hätte es besser gewusst», hat jemand in akkuraten Druckbuchstaben auf ein Stück Pappe gemalt. Hier war der Zugang zur Loveparade.

Eine Mutter mit Baby auf dem Arm verharrt vor dem Kerzenfeld. Männer reden leise und kopfschüttelnd aufeinander ein. Ein junger Mann in schwarzem T-Shirt zündet mit zittrigen Händen eine rote Grabkerze an und schluchzt laut auf, als er sie zu den anderen Lichtern auf den Boden stellt. Ein alter Mann mit zum Zopf gebundenen grauem Haar steigt vom Rad ab, zieht eine Grableuchte aus der Tasche und bleibt still stehen.

Als die Rede auf die Todesfalle Loveparade kommt, gerät der 73-jährige Kneipenwirt in Rage. «Jeder konnte sehen, dass das Konzept nicht aufgeht.» Und für die Pressekonferenz der Verantwortlichen der Stadt Duisburg vom Sonntag hat der Grauhaarige nur ein Wort übrig: «Lächerlich!». Die Stimmung ist eindeutig - die Trauernden finden, dass die Stadtoberen sich aus der Verantwortung stehlen. «Das ist doch eine Schande für die Stadt Duisburg», empört sich ein 50-Jähriger. «Die Drei, die da gesessen haben, sollen zurücktreten.»

Wie viele andere hat dieser Mann aus der Nachbarschaft einen ganz persönlichen Grund, zu den Kerzen zu gehen. Seine Tochter hatte einen Schutzengel. Zwar war sie krank aus dem Urlaub zurückgekommen, doch gerade das hinderte sie schließlich daran, zu dem Technofest zu gehen. Trauer und so etwas wie Dankbarkeit, überlebt zu haben, liegen dicht beieinander. Das gilt auch für eine andere junge Frau: «Julia, das ist für Deinen Schutzengel», hat jemand wasserfest auf eine Tafel geschrieben.

Mit einer Kerze steht eine junge Frau dort, wo sie am Samstag zu der Massenparty startete. «Das brauch ich für mich», sagt sie und blickt auf Blumen und Kerzen. Schon bei der Einlasskontrolle hat diese 29-Jährige in der drangvollen Enge Panik gespürt. Eigentlich wollte sie mit ihren Freunden bald wieder abziehen, entschied sich dann doch dagegen und entkam damit der Massenpanik im Aufgang zur Partyzone. «Was wäre wenn», fragt sie sich, «hätte ich nicht darauf bestanden, die Bühnen noch zu sehen.» Natürlich hat sie auch die umgeworfenen Bauzäune erblickt, aber nicht als Zeichen von Panik gewertet - auf der Loveparade ging es immer mal schräg zu.

Der lange Zugangstunnel zum Gelände der Loveparade ist immer noch für Autos gesperrt. Nur zwei Reihen von Neonröhren verbreiten wie ein fahles Licht. Auch hier haben die Menschen Kerzen angezündet und Blumen abgelegt. Jemand hat eine Skulptur aus Eis aufgestellt mit der Aufschrift: «In tiefer Trauer». Die Plastik schmilzt dahin, die Wassertropfen sehen aus wie Tränen.

Die Fahrbahn zeigt nicht mehr die Spuren des gigantischen Rettungseinsatzes - weggekehrt sind die unzähligen Gummihandschuhe, die Infusionsflaschen, die blutigen Kompressen, die Wärmedecken für die geschockten Opfer, die verlorenen Rucksäcke und Schuhe, die plattgetretenen Dosen. Doch an einer Lücke zwischen den Tunnelteilen hat jemand ein Plakat aufgehängt: «DU schäme Dich - in tiefer Trauer». DU ist das Autokennzeichen für Duisburg.

Am Vormittag zieht der Musiker Kiss Djata mit der Gitarre über der Schulter in die Karl-Lehr-Straße. Der Duisburger stammt aus Togo und versteht die Verantwortlichen nicht: «Kein Einziger hat gesagt: Entschuldigung». Er hat vor dem Kerzenfeld ein Lied darüber gesungen: für die «Opfer, Verletzten, Teilnehmer und Angehörigen - Entschuldigung».

Notfälle / Loveparade
27.07.2010 · 13:09 Uhr
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