News
 

Trauer, Kritik und Irritationen nach dem Angriff

Neu Delhi (dpa) - Im Sommer brachten die Taliban in Kundus mehrere Polizeifahrzeuge in ihre Gewalt. Die Behörden baten die Deutschen, die Wagen zu orten und in die Luft zu sprengen.

Die Bundeswehr entdeckte einen der Pick-ups und war kurz davor, anzugreifen - als die Meldung kam, dass ein Fahrzeug mit der gleichen Kennzeichnung im Nachbardistrikt von der Polizei genutzt werde. Da die Soldaten nicht eindeutig klären konnten, ob das Fahrzeug im Fadenkreuz der gekaperte Pick-up oder der Polizeiwagen war, bliesen sie den Angriff ab. Das Risiko, die Falschen zu treffen, war ihnen zu groß. Dafür sind die Deutschen in Kundus bekannt gewesen: Dass sie im Zweifelsfall eher nicht schießen, und erst recht nicht leichtfertig Bombardements anordnen.

Nun hat ein vom deutschen Oberst Georg Klein angeforderter Luftangriff nach einer von der «Washington Post» berichteten ersten NATO-Schätzung rund 125 Menschen das Leben gekostet, darunter mindestens zwei Dutzend Zivilisten. Obwohl das Bundesverteidigungsministerium weiterhin daran festhält, dass es sich bei den nach seinen Angaben weitaus weniger Toten um Taliban handelte, hat der Angriff vom Freitag international Kritik ausgelöst. Sie fällt deutlich heftiger aus als bei früheren Luftangriffen, die von anderen Truppensteller-Nationen angeordnet wurden - und bei denen nach jetzigem Kenntnisstand mehr Unbeteiligte starben.

So kamen im Sommer vergangenen Jahres bei einem Bombardement der Internationalen Schutztruppe ISAF im westafghanischen Verantwortungsbereich der Italiener nach UN-Angaben 90 Zivilisten ums Leben, darunter 60 Kinder. Bei einem amerikanischen Luftschlag vor vier Monate wurden in der westafghanischen Provinz Farah nach afghanischen Regierungsangaben 140 Zivilisten getötet. Als noch gar keine gesicherten Erkenntnisse über zivile Opfer in Kundus vorlagen, zeigte sich die von US-General Stanley McChrystal geführte ISAF am Freitag «tief besorgt über das Leid, dass diese Aktion unseren afghanischen Freunden bereitet haben könnte».

Bei der Bundeswehr sorgt die Kritik für Irritationen. Ein Bundeswehr-Offizier, der anonym bleiben möchte, sagt: «Da drängt sich der Eindruck auf, dass die Amerikaner kräftig Wind machen, um die Deutschen in die Ecke der Bösen zu zerren, damit es dort für die Amerikaner nicht so einsam ist.» In Kundus selbst scheinen US-Truppen ihre Operationen verstärkt zu haben. Afghanische Behörden warfen ihnen vor wenigen Tagen vor, bei Kämpfen drei Zivilisten getötet zu haben. McChrystal hat sich zur Aufgabe gemacht, die Zahl der zivilen Opfer zu reduzieren, die immer mehr Afghanen in die Arme der Taliban treiben. Erst vor wenigen Tagen legte er eine Richtlinie zur Aufstandsbekämpfung vor, wonach der Schutz der Bevölkerung und nicht das Töten von Taliban das wichtigste Ziel der Mission sei.

Oberst Klein dürfte das bereits vor der Richtlinie nicht anders gesehen haben. Er gilt als besonnener Offizier, der nicht eben für eine Cowboy-Mentalität bekannt ist. Als im Frühjahr ein Jugendlicher von Bundeswehr-Soldaten erschossen wurde, entschuldigte sich der Oberst noch am selben Tag persönlich bei der Familie. Die Afghanen zollen den Deutschen für ihre Vorsicht einerseits Respekt. In der Bevölkerung bringt die Zurückhaltung der Truppe aber zugleich den Ruf ein, nicht hart genug gegen die Taliban vorzugehen - Kritik, die auch NATO-Bündnispartner hinter vorgehaltener Hand äußern.

Im vergangenen Monat sagte ein afghanischer Journalist in Kundus, die Menschen dort wollten, «dass die Deutschen handeln. Die Leute reden darüber, dass die Soldaten den Taliban aus dem Weg gehen.» Die Sicherheitslage verschlechtere sich täglich. Für Kopfschütteln sorge daher, dass die Bundeswehr Flugzeuge einsetze, «mit denen nur Fotos gemacht werden» - gemeint sind die Aufklärungs-Tornados, die keine Angriffe fliegen. «Sie müssen die Flugzeuge doch für Bombardements gegen die Taliban einsetzen.» Der Journalist betonte: «Wenn die Deutschen zum Kämpfen hier sind, dann müssen sie Taliban töten.»

Ähnlich äußert sich nach dem Luftangriff auch der dortige Vorsitzende des Provinzrates, Ahmadullah Wardak. Die «Washington Post» berichtete am Sonntag, als McChrystal bei einem eilig anberaumten Besuch in Kundus sein Bedauern über die Opfer ausdrückte, habe Wardak ihn unterbrochen. «Wenn wir drei weitere Operationen wie die in der vergangenen Nacht durchführen, wird das Kundus Stabilität bringen», sagte Wardak. «Wir sind zu nett zu den Verbrechern gewesen.»

Die Angehörigen der Opfer des Bombardements im Unruhedistrikt Char Darah werden Wardaks Einschätzung kaum teilen. «Ich kann mit Sicherheit sagen, dass 150 Menschen getötet wurden», sagte Stammeschef Hadschi Abdul Rahim bei der Trauerveranstaltung für die Opfer in einer Moschee. Rahim hat nach eigenen Angaben seinen Sohn und zwei Neffen bei dem Bombardement verloren. Ein Stammeschef namens Hadschi Mohayodin betonte, zwar seien auch Taliban getötet worden, die meisten der Opfer seien aber Zivilisten gewesen. Die «Washington Post» berichtete, die Deutschen hätten den Bombenangriff auf der Basis der Aussage eines einzigen afghanischen Informanten angeordnet - der versichert habe, Zivilisten seien nicht anwesend.

Sollte der Luftangriff die Aufständischen geschwächt haben, ist davon in Char Darah nichts zu merken. Ein afghanischer dpa-Reporter berichtete am Samstag aus der Gegend, bewaffnete Taliban unterhielten Checkpoints und durchsuchten Fahrzeuge. Nicht nur das: Aufständische nahmen außerdem an den Trauerfeiern für die Opfer teil.

Konflikte / Bundeswehr / Afghanistan
06.09.2009 · 15:45 Uhr
[0 Kommentare]

Die aktuellen Schlagzeilen

 
 

News-Suche

 

News-Archiv

 
Diese Woche
Letzte Woche
Vorletzte Woche
Top News

Weitere Themen