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Trauer in Duisburg: Mahner galten als «Spaßbremser»

Ein Kreuz mit einer Gedenktafel aus Eis taut  in Duisburg an der Unglücksstelle der Loveparade auf.Großansicht

Duisburg (dpa) - Die Vorwürfe gegen die Verantwortlichen der Loveparade werden nach der Katastrophe mit 19 Toten immer härter und konkreter. Seit Montag sucht nun die Kölner Polizei die Schuldigen.

Das nordrhein-westfälische Innenministerium schaltete die Beamten der Domstadt ein, um Befangenheit bei Duisburger Kollegen zu vermeiden. Oberbürgermeister Adolf Sauerland (CDU) lehnte einen Rücktritt ab. Die Staatsanwaltschaft ermittelt wegen fahrlässiger Tötung. Es geht um mögliche Planungsfehler im Sicherheitskonzept der Techno-Party. Der Tod der Raver sorgte weiter für Schock und Trauer.

In der Nähe der Unglücksstelle an einem Tunnel trauerten am Montag Menschen. Der Bürgersteig war gefüllt mit Grablichtern, Blumen, Plüschtieren und Briefen. Immer wieder wurde auch dort die Frage gestellt, ob die Planer ihre eigenen Ziele über die Sicherheit der Teilnehmer gestellt hatten.

Die Ermittler lieferten nach der Katastrophe vom Samstag zwar noch keine Erklärungen. Doch es verdichteten sich Hinweise, dass Warnungen missachtet und behördliche Vorschriften bewusst aufgeweicht wurden.

Die Ermittlungen wegen fahrlässiger Tötung stünden noch am Anfang, sagte Staatsanwalt Rolf Haverkamp in Duisburg der dpa. «Es haben sich jede Menge Zeugen gemeldet, die werden auch alle vernommen.»

Einer der Schwerverletzten aus dem Gedränge bei einer Unterführung vor dem Partygelände schwebte am Montag noch in Lebensgefahr, teilte die Polizei mit. Von den 511 Menschen, die am gesamten Partytag verletzt wurden, mussten 283 in Krankenhäusern behandelt werden. 42 von ihnen lagen am Montag noch in Kliniken.

Duisburgs Oberbürgermeister Sauerland wehrte sich schriftlich gegen Kritik und Rücktrittforderungen. Er könne diese Forderung zwar nachvollziehen. «Doch heute und in den nächsten Tagen muss es darum gehen, die schrecklichen Ereignisse aufzuarbeiten und die vielen Puzzleteile zu einem Gesamtbild zusammenzufügen», schrieb Sauerland. Die Stadt Duisburg werde die Staatsanwaltschaft unterstützen. «Wenn sich die Stadt etwas vorzuwerfen hat, dann werden wir Verantwortung übernehmen.» An die Angehörigen der Opfer gewandt erklärte er: «Die Stadt trauert mit Ihnen, auch ich ganz persönlich.»

Gegen Sauerland sowie leitende Beamte der Stadt und die Veranstalter erstattete der ehemalige Bochumer Polizeipräsident Thomas Wenner (62) unterdessen persönlich Anzeige. Der Oberbürgermeister war am Sonntag von Trauernden körperlich angegriffen worden. Er wurde ausgebuht, beschimpft, ein Mann habe ihn mit Müll beworfen und getroffen, berichtete die «Bild»-Zeitung.

Die Staatsanwaltschaft hat inzwischen Unterlagen der Organisatoren beschlagnahmt. An der Spitze der Kritik am Sicherheitskonzept der Techno-Parade steht die Deutsche Polizeigewerkschaft. «Ich habe vor einem Jahr Duisburg als ungeeignet für die Loveparade abgelehnt und bin dafür als Spaßverderber und Sicherheitsfanatiker beschimpft worden», sagte der Bundesvorsitzende der Gewerkschaft, Rainer Wendt. «Aber die Verantwortlichen waren besessen von der Idee, etwas für diese gebeutelte Stadt zu tun.»

Für Konzertveranstalter Marek Lieberberg führten Profilierungssucht der Stadt und eine amateurhafte Organisation zur Katastrophe. Das «war keine höhere Gewalt wie ein Treppeneinsturz oder ein Unwetter, sondern das Ergebnis eines verhängnisvollen Zusammenwirkens von völlig überforderten Behörden und inkompetenten Organisatoren, die weder mit derartigen Großveranstaltungen vertraut noch in der Lage waren, auf Notsituationen zu reagieren», teilte Lieberberg mit.

Ein internes Verwaltungsdokument aus Duisburg belegt nach Informationen von «Spiegel Online» Schwachstellen des Sicherheitskonzepts bei der Großveranstaltung. So habe der Veranstalter nicht die sonst vorgeschriebene Breite der Fluchtwege einhalten müssen. Zugleich sei das Gelände ausdrücklich nur für 250 000 Menschen zugelassen gewesen.

Die Polizei widersprach früheren Berichten, wonach am Samstag 1,4 Millionen Menschen zum Techno-Rave in die Stadt gekommen waren. Dies sei «rechnerisch unmöglich», sagte Polizeisprecher Ramon van der Maat. So viele Menschen hätten weder mit den bestehenden Verkehrsmitteln noch in der zur Verfügung stehenden Zeit anreisen können.

Doch selbst mit weit weniger Gästen sei die Planung mit dem Schleusensystem im Zugang zur Partyzone unrealistisch gewesen, berichteten Abgeordnete aus dem NRW-Landtag. Der Veranstalter sei davon ausgegangen, dass pro Stunde 30 000 Menschen aus westlicher und östlicher Richtung auf das Gelände geleitet werden könnten.

Möglicherweise werden Fehlleistungen bei der Vorbereitung der Loveparade auch Inhalt einer parlamentarischen Untersuchungskommission. Die Einrichtung eines solchen politischen Gremiums hat die CDU/CSU-Bundestagsfraktion verlangt. Die Bundesregierung zeigte sich offen für Konsequenzen, warnte aber vor voreiligen Schlüssen.

Auch Trauernde selbst fanden deutliche Worte für ihre Erschütterung: «Und keiner hat Schuld - jeder Vollidiot hätte es besser gewusst», hat jemand in Druckbuchstaben auf ein Stück Pappe vor dem Unglücks-Tunnel gemalt.

Freizeit / Musik / Notfälle
26.07.2010 · 19:16 Uhr
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