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Tränen statt Titel: Jähes Ende der WM-Sommerparty

Alexandra Popp und Simone Laudehr sind nach dem bitteren Aus geschockt.

Wolfsburg (dpa) - Nach einer kurzen Nacht räumten die deutschen Nationalspielerinnen deprimiert ihre Zimmer und traten müde und traurig die Heimreise an. Selbst beim gemeinsamen Frühstück um 10.00 Uhr standen Birgit Prinz und Co. noch unter dem Schock des WM-Scheiterns.

«Jede hat sich verabschiedet mit Tränen in den Augen», berichtete Fußball-Bundestrainerin Silvia Neid am Sonntag bei ihrem letzten öffentlichen WM-Auftritt übernächtigt und nachdenklich.

Schon am Samstagabend sei es nach der 0:1-Niederlage nach Verlängerung gegen Japan im Viertelfinale «sehr ruhig» zugegangen. «Jede war sehr traurig und in sich gekehrt», habe ihren Frust auf unterschiedliche Weise verarbeitet. «Einige haben sich auf ihre Zimmer zurückgezogen, einige haben noch zusammengesessen und geredet», sagte Neid.

Stunden zuvor war in der mit 26 067 Fans ausverkauften Arena in Wolfsburg aus dem schönen Titeltraum eine Illusion geworden. Simone Laudehr sank weinend zu Boden, Nadine Angerer stierte minutenlang ins Leere, und Theo Zwanziger legte tröstend den Arm um Bundestrainerin Silvia Neid. «Ich bin fassungslos. Ich kann es nicht glauben. Es ist alles aus und vorbei», brachte Linda Bresonik die Gemütslage auf den Punkt und trauerte zudem der erstmals verpassten Qualifikation für die Sommerspiele nach: «Olympia ist weg, es ist alles weg.»

Die Sommerparty endete jäh, bevor sie eigentlich richtig losgehen sollte. Das Tor von Karina Maruyama in der 108. Minute traf die DFB-Auswahl bis ins Mark. Niemand im deutschen Lager war darauf vorbereitet, eine Woche vor dem Finale die Koffer zu packen. «Ich werde irgendwie noch gar nicht erwartet zu Hause», gestand Neid, die ihre nach 120 Minuten ausgepumpte Auswahl noch auf dem Rasen zu einem Kreis versammelt hatte. «Ich habe ihnen gesagt, dass es so etwas eben gibt im Fußball und das wir das verkraften müssen.»

Auch für die 47 Jahre alte Fußballlehrerin ist das frühe Scheitern ein herber Rückschlag. Die Frage, ob sie sich selbst etwas vorzuwerfen habe, beantwortete Neid leicht gereizt. «Ich mache mir jetzt eigentlich gar keinen Vorwurf. Ich werde das Spiel analysieren, wenn ich mir danach irgendeinen Vorwurf machen müsste, werde ich Sie daran teilhaben lassen», sagte sie nach dem Ende der Rekordserie von 15 WM-Spielen (davon 14 Siege) ohne Niederlage.

Gleichwohl wird sich Neid Kritik gefallen lassen müssen, nicht nur wegen des umstrittenen Umgangs mit Spielführerin Birgit Prinz, die nach 214 Länderspielen ihr internationales Karriereende auf der Bank erlebte und stocksauer war. «Ich habe mich fit gefühlt und hätte gerne gespielt. Die Trainerin hat aber anders entschieden. Ich akzeptiere das», grummelte Prinz. Zuvor war sie teilnahmslos hinter den Mitspielerinnen hergetrottet, die zum Abschied ein Banner (Ein Team - Ein Traum - Millionen Fans - Danke!) durch die Arena trugen.

Statt der 33-Jährigen einen würdigen Abschied zu bescheren, wechselte Neid in der 102. Minute Alexandra Popp für Inka Grings ein und ließ die indisponierte Celia Okoyino da Mbabi durchspielen. Für die Rekordnationalspielerin tue es ihr «sehr, sehr leid», so Neid.

Ein dauerhaftes Zerwürfnis mit Prinz sei nicht zu befürchten: «Ich habe kurz mit ihr geredet. Da hat sie auch "Silv" zu mir gesagt», meinte die Trainerin. Am Abend zuvor hatte die Rekord- Nationalspielerin noch ungewohnt distanziert von der «Trainerin» geredet. Selbst das von Zwanziger signalisierte Abschiedsspiel konnte Prinz' Miene nicht aufhellen. «Das ist nicht der richtige Moment, darüber zu reden. Ich bin total frustriert und mache mir keine Gedanken, ob es irgendein Abschiedsspiel gibt.» Am Sonntag stellte auch DFB-Vizepräsidentin Hannelore Ratzeburg einen «würdigen Abschied» für Prinz und Hingst in Aussicht. Dem Team zollte sie trotz allem großes Lob. «Sie können erhobenen Hauptes nach Hause fahren.»

Zur tragischen Figur wurde Kim Kulig. Die 21-Jährige zog sich bereits in der 4. Minute einen Kreuzbandriss im Knie zu, wie sich später bestätigte. «Das war schon ein Schock», sagte Neid, deren WM-Fazit gemischt ausfiel. Man habe sich mit den Siegen gegen Kanada (2:1), Nigeria (1:0) und Frankreich in einer schweren Gruppe durchgesetzt, anderseits sei alles nicht «so leichtfüßig» gegangen.

Ein Grund dafür sei auch der Druck gewesen, auch wenn die Unterstützung durch die Fans «fantastisch» war. «Die Erwartungen waren schon groß. Alle haben uns schon im Halbfinale gesehen. Man muss einfach akzeptieren, dass Japan ein Tor besser war», sagte Neid. Die Japanerinnen treffen nun am Mittwoch in ihrem ersten Halbfinale in Frankfurt auf Schweden. Da sich die Skandinavierinnen im Viertelfinale mit 3:1 gegen Australien durchsetzten, verpasste die deutsche Elf das Ticket für London. «Das habe ich noch gar nicht realisiert. Ich bin noch sowas von geschockt», sagte Laudehr.

Im Schnitt fast 16,95 Millionen Zuschauer (59,3 Prozent Marktanteil) - so viel wie nie bei einem Frauenfußballspiel in Deutschland - hatten mit der DFB-Elf gefiebert. WM-Lokomotive Steffi Jones verfolgte das Drama auf der Frankfurter Fanmeile und war «wahnsinnig traurig».

Dass Neid, die die Mannschaft in drei Monaten generalstabsmäßig auf die «Gold-Mission» vorbereiten konnte, nun persönliche Konsequenzen ziehe, glaubt Zwanziger nicht. «Das kann ich mir nicht vorstellen», sagte der DFB-Boss, und sah sich am Sonntag bestätigt. «Ich verspüre keine Motivationsprobleme, und die Mannschaft auch nicht. Es geht ja weiter», sagte Neid mit Blick auf die EM und die im Herbst beginnende Qualifikation.

Einen «großen Umbruch» im Team erwartet sie nicht. Außer Prinz und Ariane Hingst habe keine Spielerin ihre Rücktrittsabsicht erklärt. «Unser Ziel ist es, dann wieder ganz nach vorne zu kommen.» Auch Torhüterin Nadine Angerer wird dann wohl noch dabei sein. Nun bracht sie aber erst mal Abstand: «Ich werde spontan meinen Rucksack packen und erstmal das Weite suchen.»

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Fußball / WM / Frauen
10.07.2011 · 21:36 Uhr
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