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Tränen der Rührung am Brandenburger Tor

Bernauer StraßeGroßansicht
Berlin (dpa) - Mehr als 28 Jahre stand das Brandenburger Tor unerreichbar im Niemandsland zwischen Ost und West. 20 Jahre nach dem Mauerfall stand das Wahrzeichen der deutschen Hauptstadt am Montagabend stimmungsvoll beleuchtet im Mittelpunkt.

Begleitet vom Applaus zehntausender Besucher schritt Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) mit Staatsgästen aus aller Welt durch das einst von DDR- Grenzsoldaten schwer bewachte Tor in der Mitte Berlins. Alle Staats- und Regierungschef der Europäischen Union sowie Russlands Präsident Dmitri Medwedew und die US-Außenministerin Hillary Clinton als Vertreter der ehemaligen Alliierten Schutzmächte der Stadt waren dabei.

Deutschland feierte mit der Welt - mit bunten Schirmen im strömenden Regen und bestens gelaunt rund um das Symbol des vereinigten Landes. So mancher wischte sich verstohlen Tränen der Rührung aus den Augen. Als die Staatskapelle Berlin als Überraschung «Das ist die Berliner Luft» intonierte und Startenor Placido Domingo das Paul-Lincke-Lied sang, klatschte auch Kanzlerin Merkel neben ihrem Mann Joachim Sauer gut gelaunt mit.

Für die Ostdeutsche Merkel war es ein Tag der Emotionen und Erinnerungen. Dort, wo die Kanzlerin den Mauerfall selbst erlebte, hatte sie sich am Nachmittag erneut auf den Weg Richtung Westen gemacht. Gut gelaunt überquerte sie die Bornholmer Brücke mit rund 100 früheren DDR-Oppositionellen wie Marianne Birthler, Wolf Biermann, Stephan Krawczyk und Joachim Gauck. An dem Grenzpunkt waren in der historischen Nacht des 9. November 1989 zuerst die Schranken hochgegangen.  

Immer wieder erklangen «Gorbi»-Rufe für den früheren Sowjet- Staatschef Michail Gorbatschow, der an der Seite Merkels die Brücke überquerte. Der Mitbegründer der polnischen Gewerkschaft Solidarnosc und frühere Staatspräsident Lech Walesa - mit Schiebermütze - ging in dem Gedränge fast unter. Beide hatte Merkel eingeladen. Viele Besucher hatten ihre alten DDR-Ausweise mitgebracht und zeigten stolz die Stempel von ihrem ersten Ausflug in den Westen.

Mit dem symbolischen Spaziergang erwies Merkel den Menschen ihre Reverenz, die die Veränderungen in Deutschland und Europa mit auf den Weg brachten. Die Veränderungen in Polen seien eine unglaubliche Ermutigung für die DDR-Bürger gewesen, sagte Merkel an die Adresse Walesas. Locker erzählte sie auch, dass sie es von ihrer Wohnung damals nicht weit hatte bis zu der Brücke. «Die Schönhauser Allee 104 war ja gleich um die Ecke.»

Die dichte Menschenmenge erinnerte ein wenig an die Nacht vor 20 Jahren. Die Wachhäuser des damals gut ausgebauten Grenzkontrollpunkts an der geschwungenen Stahlbrücke zwischen den Stadtteilen Prenzlauer Berg und Wedding sind heute verschwunden. Auf der Ostseite verweisen zwei Bronzetafeln darauf, dass dort zuerst die Grenze fiel.

An der Bornholmer Straße hatten DDR-Bürger in fröhlicher Anarchie die Öffnung erzwungen. Zunächst warteten sie stundenlang, und es wurden immer mehr. Die Grenzer waren ratlos und ohne Befehl von oben. Es herrschte Chaos in der DDR-Führung, nachdem SED-Politbüromitglied Günter Schabowski im Alleingang Stunden zu früh die Öffnung der Grenzen verkündet hatte und seine Genossen nichts mitbekamen.

Ganz geordnet sollten erst am 10. November ab 04.00 Uhr «Privatreisen nach dem Ausland» beantragt werden können. Doch es kam anders. An der Bornholmer Straße entschieden die Grenzsoldaten gut eine halbe Stunde vor Mitternacht: «Wir fluten jetzt». Die Schranken wurden hoch und zur Seite geschoben, die glücklichen «Ossis» stolperten in den so lange unerreichbaren Westen. Noch heute empfinden es viele Menschen als ein Wunder, dass kein einziger Schuss fiel.

Die damals 35-jährige Merkel war wie immer donnerstags in der Sauna. Auf dem Rückweg habe sie sich dem Zug von tausenden Menschen über die Brücke angeschlossen, hatte sie vor dem Jubiläum erzählt. Der 9. November sei nicht nur ein Feiertag für Deutschland, sondern für ganz Europa, sagte sie auf der Brücke. «Dann sagen wir einfach danke, dass viele uns auf diesem Weg geholfen haben.»

Inzwischen ist eine Generation erwachsen geworden, die den Mauerfall nicht mehr selbst erlebt hat. Am Montag waren auch viele junge Menschen gekommen, die den Mauerfall nur aus Erzählungen kennen. «Es ist ein wichtiger Teil der deutschen Geschichte», sagte eine 22-Jährige aus Oranienburg bei Berlin. «Mein Leben wäre sicher anders verlaufen, wenn die Mauer noch stehen würde.»

Geschichte / Mauerfall / Deutschland
09.11.2009 · 22:24 Uhr
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