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Tod und Chaos im Armenhaus der Welt

Erdbeben auf HaitiGroßansicht
Port-au-Prince/Hamburg (dpa) - Beim stärksten Erdbeben seit mehr als 150 Jahren in Haiti sind nach Regierungsschätzungen mehrere Tausend Menschen ums Leben gekommen. Haitis Ministerpräsident Jean-Max Bellerive rechnete sogar mit mehr als hunderttausend Todesopfer.

In der Hauptstadt Port-au-Prince herrschte Chaos. Die 1,2 Millionen Einwohner zählende Kapitale des bitterarmen Karibikstaates war am Dienstagnachmittag (Ortszeit) fast eine Minute lang von einem Beben der Stärke 7,0 erschüttert worden. Überlebende versuchten mit bloßen Händen, Verschüttete aus den Trümmern zu retten.

Präsident Rene Préval berichtete, er habe über Leichen steigen müssen und Schreie von Menschen gehört, die unter Trümmern begraben seien. In einem Interview des «Miami Herald» (Mittwoch) erklärte er: «Das Parlament ist zusammengestürzt. Die Steuerbehörde ist zusammengestürzt. Schulen sind zusammengestürzt. Krankenhäuser sind zusammengestürzt. Es gibt eine Menge von Schulen mit einer Menge von Toten in ihnen.» Alle Hospitäler seien voller Menschen: «Es ist eine Katastrophe.» Das Rote Kreuz schätzte die Zahl der Betroffenen auf drei Millionen Menschen.

Ministerpräsident Bellerive sagte im Interview des US-Senders CNN, dass möglicherweise Hunderttausend Menschen bei dem Beben ums Leben kamen. «Ich hoffe, das ist nicht wahr, und die Menschen hatten Zeit zu entkommen.» Eine Augenzeugin berichtete der dpa am Mittwoch: «Ich war gerade in der Stadt, es ist eine Apokalypse.» Rund 40 Prozent der Häuser in der Hauptstadt seien zerstört oder beschädigt. Der Lokalsender Radio Métropole listete auf seiner Website der schwer beschädigten Gebäude unter anderen das UN-Hauptquartier in Port-au-Prince, die Kathedrale der Stadt, den Präsidentenpalast, diverse Hotels sowie Ministerien und Marktgebäude auf.

Die Kommunikation in dem Karibikstaat sei praktisch völlig zusammengebrochen, die Infrastruktur in und um die Hauptstadt Port-au-Prince schwer beschädigt, sagte Generalsekretär Ban Ki Moon am Mittwoch in New York. Die Koordinierung der unmittelbar nach dem Beben weltweit angelaufenen Hilfsmaßnahmen gestalte sich daher schwierig. «Energie- und Wasserversorgung sind völlig zusammengebrochen, viele Gebäude sind eingestürzt. Die Retter waren die ganze Nacht im Einsatz, aber wir müssen davon ausgehen, dass immer noch viele Menschen eingeschlossen sind», erklärte er.

Zuletzt war Haiti - das ärmste Land des gesamten Kontinents - am 7. Mai 1842 von einem ähnlich folgenschweren Beben heimgesucht worden. «Es fühlte sich an, als ob ein großer Lastwagen durch die Hauswand gekracht wäre. Dann hat es etwa 35 Sekunden lang gewackelt», schilderte Frank Williams, Landesdirektor der Hilfsorganisation World Vision Haiti. Menschen seien schreiend auf die Straße gelaufen.

«Die Mauern sind überall zusammengestürzt. Ich bin um mein Leben gelaufen. Menschen schrien: Jesus! Jesus! Es war völlig irreal», erzählte Fotograf Ivanoh Demers dem kanadischen Online-Magazin cyberpresse.ca. Er war gerade rechtzeitig aus dem Hotel Villa Créolein Port-au-Prince geflohen. «Ich bin aus meinen Hotelzimmer gelaufen, und die Mauer ist direkt neben mir zusammengebrochen.»

Die Vereinten Nationen haben nach eigenen Angaben für die Hilfe in Haiti etwa 30 internationale Hilfeteams mobilisiert. Hilfsprojekte liefen unter großen Schwierigkeiten an, berichtete Elizabeth Byrs vom UN-Koordinationsbüro für humanitäre Angelegenheiten (OCHA): «Lebensrettende Hilfe für die Verletzten und die Bereitstellung von Unterkünften - das hat jetzt Priorität», sagte die OCHA-Sprecherin. Die ICRC sei ebenfalls bereits in der betroffenen Region aktiv.

Zur Zeit des Bebens seien die Kinder noch im Unterricht gewesen, viele Schulen seien eingestürzt, berichtete die Büro-Leiterin der Hilfsorganisation Care in Haiti, Sophie Perez. Die ganze Stadt sei betroffen. Überall seien Helikopter zu hören. Nun gelte es, Menschen aus den Trümmern zu befreien und mit Nahrung und Wasser zu versorgen.

Dem französischen Minister für Entwicklungshilfe, Alain Joyandet, zufolge stürzte auch das bei Ausländern beliebte Luxushotel Montana ein. «Wir gehen davon aus, dass es dort etwa 200 Tote gibt», sagte Joyandet dem Sender France 2. Nur etwa 100 Menschen hätten das Gebäude rechtzeitig verlassen können. Betroffen waren auch die Vereinten Nationen. Der Chef der UN-Mission MINUSTAH, der Tunesier Hedi Annabi, sei vermutlich tot, sagte Frankreichs Außenminister Bernard Kouchner dem Sender RTL.

Mehrere Überlebende seien inzwischen aus dem eingestürzten UN-Hauptquartier gerettet worden, sagte ein UN-Sprecher in New York. Allerdings befürchten die Vereinten Nationen das schwere Erdbeben könne die höchste Opferzahl von UN-Mitarbeitern zu Folge haben, die je bei Ausübung ihres Mandats auf einen Schlag ums Leben kamen. Bis Mittwochabend waren noch immer mehr als 100 UN-Mitarbeiter vermisst, darunter neben Missionschef Annabi auch sein Stellvertreter Luiz Carlos da Costa. Die UN hat derzeit etwa 7000 Soldaten und 2000 Polizisten vor allem aus südamerikanischen Ländern in Haiti im Einsatz. Brasiliens Armeeführung berichtete, elf brasilianische Blauhelm-Soldaten seien ums Leben gekommen.

Auch aus anderen lateinamerikanischen Ländern gab es Berichte über getötete oder vermisste UN-Mitarbeiter. Deutschland ist nicht an der Friedensmission beteiligt. Bundesaußenminister Guido Westerwelle (FDP) hielt dennoch auch deutsche Opfer für möglich: «Wir hoffen es nicht, ich kann es leider auch nicht ausschließen.» Deutsche Urlauber sind dem Deutschen Reiseverband zufolge nicht betroffen.

Nach Aufzeichnungen der US-Erdbebenwarte hatte das Beben kurz vor 17 Uhr Ortszeit begonnen. Vor allem die Elendsviertel an den Berghängen von Port-au-Prince seien zerstört worden, berichtete die deutsche Diakonie Katastrophenhilfe. Die Hänge seien großflächig abgerutscht, über der Stadt liege eine gewaltige Staubwolke. Aus Angst vor Nachbeben verbrachten etliche Menschen die Nacht im Freien.

Auf Hilfe der eigenen Behörden können die Menschen nach Angaben einer Sprecherin des Deutschen Roten Kreuzes (DRK) nicht hoffen. «Es gibt keine medizinische Versorgung für die Bevölkerung und die wird es jetzt natürlich auch nicht geben», sagte Svenja Koch. Rasch liefen dagegen Hilfsmaßnahmen aus dem Ausland an. Die Bundesregierung stellte umgehend 1,5 Millionen Euro Nothilfe zur Verfügung. Die EU-Kommission sagte eine Nothilfe von drei Millionen Euro zu.

Das Land liegt im kleineren westlichen Teil der zu den Großen Antillen gehörenden Karibik-Insel Hispaniola. Im Osten liegt die Dominikanische Republik. In dem rund neun Millionen Einwohner zählenden Land sind seit 2004 UN-Friedenstruppen in Einsatz. Die Ränder der tektonischen Platten in dem Bereich hätten sich auf einen Schlag rund ein bis zwei Meter verschoben, sagte Jochen Zschau vom Deutschen GeoForschungsZentrum (GFZ) in Potsdam. Das Beben habe zudem in geringer Tiefe stattgefunden.

Erdbeben / Haiti
13.01.2010 · 23:04 Uhr
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