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Tod in Sachsen - Wie die NPD in rechte Gewalt verstrickt ist

Oschatz nennt sich selbst «die Stadt im Herzen von Sachsen». Dann trafen einige - mutmaßlich rechte - Schläger die Stadt im tiefsten Inneren ihres Herzens: Am Abend des 26. Mai 2011 zog ein Mob durch die Straßen des eigentlich gemütlichen Städtchens mit seinen 15.000 Einwohnern. Der Mob, das waren sechs 16- bis 36-Jährige. «Sie haben bewusst nach André K. gesucht und wollten ihn misshandeln», sagt Oberstaatsanwältin Claudia Laube.

Sie kannten ihr 50-jähriges Opfer, und sie fanden es auch. In einem Wartehäuschen des Oschatzer Südbahnhofs kam es zum Gewaltexzess. «Sie traten mindestens 30 Mal auf ihr Opfer ein, bis es blutüberströmt am Boden lag», so die Oberstaatsanwältin. Der obdachlose André K. hatte Blutungen im Gehirn und zahlreiche Schädelbrüche. Gefunden wurde er erst am nächsten Morgen, er kam ins Krankenhaus und verstarb wenige Tage später.

Wohnungslose Menschen als Opfer rechter Gewalt

Der Mob, der sich nun vor dem Leipziger Landgericht verantworten muss, umfasst sechs Angeklagte. Dem ältesten Angeklagten, zur Tatzeit 36 Jahre, wird unterlassene Hilfeleistung zur Last gelegt. Die anderen fünf müssen sich wegen Totschlags verantworten. Bisher haben sie geschwiegen, nur einer hat zwei Tritte zugegeben. Gemeinschaftlich verweigerten sie am ersten Prozesstag die Aussage.

Laut Staatsanwaltschaft müssten Motiv und Hintergründe der Tat in der Verhandlung aufgeklärt werden. Ein rechtes Tatmotiv war für die Ermittler nicht ersichtlich. Dabei werden neben Migranten oft sozial benachteiligte Menschen Ziel rechter Gewalt. Initiativen zählen bundesweit mindestens 28 Morde an wohnungslosen Menschen seit 1990, ein rechtes Motiv wurde in sieben Fällen anerkannt. Allein in Sachsen starben vier Wohnungslose.

Unter den Beschuldigten im Alter zwischen 16 und 27 Jahren, die sich wegen Totschlags verantworten müssen, ist auch Ronny S. «Er ist für seine aggressive, rechte Haltung in der Region bekannt», sagt Anja Kohlbach, Sprecherin der Oschatzer Bürgerinitiative für Demokratie, Menschlichkeit und Toleranz. Das Bündnis hatte nach dem Tod des Obdachlosen eine Mahnwache organisiert und begleitet nun den Prozess.

Wie rechts ist Ronny S.?

Und gibt es Indizien, die auf die rechte Gesinnung des 27-jährigen Ronny S. hinweisen: In sozialen Netzwerken gibt es etwa ein Foto, das ihn vor einer Reichskriegsflagge zeigt. Und es gibt ein weiteres Foto. Es entstand Anfang 2010, als die Kameraden gegen Kürzungen im Schulsystem durch Oschatz marschierten. Dieses Foto zeigt ein Spruchband «Wir blockieren eure Demo nicht». Hinter dem Band steht Ronny S. gemeinsam mit Jens Gatter, der für die NPD im nordsächsischen Kreistag sitzt. Ronny S. gehöre zum Umfeld der Jungen Nationaldemokraten, der NPD-Jugendorganisation, berichten linke Infoportale. «Ronny S. gehört eindeutig zum NPD-Nachwuchs», ist Anja Kohlbach sicher.

Wie nah standen sich denn NPD und Ronny S.? Das Verbotsverfahren, das derzeit diskutiert wird - es könnte durch die Nähe zu Schlägern wie Ronny S. neuen Wind bekommen. Bereits kurz nach der Tat versuchte sich die NPD zu distanzieren, unter der Überschrift «Perverse Qualität im K(r)ampf gegen rechts» meldet sich Maik Scheffler zu Wort, NPD-Kreischef in Nordsachsen und sächsischer Landes-Vize: «Weder der Mörder des Obdachlosen André K. noch sonstige Gewaltverbrecher finden auch nur ansatzweise im Programm der NPD oder ihrer Jugendorganisation eine Rechtfertigung für ihre widerwärtigen Taten.» Auf das Gruppenfoto von Ronny S. gemeinsam mit Kreisvize Gatter allerdings geht der Kamerad nicht ein.

Im Tod um den obdachlosen André K. sind zehn weitere Verhandlungstage geplant, das Urteil in dem Mammutprozess wird im April 2012 erwartet.

[news.de] · 07.12.2011 · 11:28 Uhr
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