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Tempo und Taktik: Das «schöne Spiel» ist sekundär

Johannesburg (dpa) - Eine Weltmeisterschaft ist die Messe der Fußball-Neuheiten. In Südafrika haben die Marktführer aber ein Problem. Die Konkurrenz hat plötzlich das gleiche Produkt-Portfolio: Disziplin, Ordnung, Hierarchie und effektive Kreativität. Die Fußball-Welt wird in Afrika neu sortiert.

«Alle, die vom Fußball sprechen, reden vom schönen Spiel. Aber das schöne Spiel muss auch kontrolliert werden», sagte Brasiliens Trainer Dunga. Ausgerechnet Brasilien. Die einstigen Samba-Kicker mit Zauber-Garantie haben das neue Credo unter der Leitung des früheren Bundesliga-Profis Dunga offenbar am schnellsten verinnerlicht. Gemeinsam mit ihrem Nachbarn Argentinien scheinen sie dem Rest der Welt einen Tick voraus. Doch auch die kontinental-interne Konkurrenz vom neuen Fußball-Powerhaus Südamerika schläft nicht. «Alle Mannschaften spielen sehr taktisch. Sie sind gut ausgebildet», sagte Chiles Trainer Marcelo Bielsa.

Gegen Spanien gehen die bislang gegentorlosen Chilenen mit Punktvorsprung ins Gruppenfinale und beim Europameister ist man gewarnt. Nationalteams agieren wie Club-Mannschaften, bemerkt Espana-Coach Vicente del Bosque einen neuen Trend. «Sie sind immer besser eingespielt. Dies macht es den Favoriten schwerer als früher, mit defensiv eingestellten Gegnern zurechtzukommen», sagte er. Europas Riesen mühen sich mächtig, um am Kap auf Touren zu kommen.

Plumpe Defensivstrategie á la Griechen-Coach Otto Rehhagel hilft auch nicht mehr weiter. Vielmehr zeichnen spielerisches Tempo, Top-Physis und gedankliche Beweglichkeit den erfolgreichen Spielertypus aus. «Wir sind beim System sehr variabel», sagte Spaniens Fernando Torres. «Egal, ob wir 4-3-3, 4-4-2 oder anders spielen, wir halten an unserem Stil fest. Wir wollen immer den Ball und den Gegner möglichst in seiner Hälfte einschnüren.»

Begann das Turnier am Kap recht flau und fade, hat die WM nun richtig Tempo aufgenommen. Der Torschnitt ist über die magische 2-Treffer-Marke geklettert. Und der Schweizer Coach Ottmar Hitzfeld rechnet fest mit einem Comeback der Top-Teams. «Ich glaube, dass Favoriten immer den meisten Druck in der Gruppenphase haben. Da steckt immer ein bisschen Angst im Hinterkopf.»

Dann sollten auch die Superstar-Kandidaten bald aufblühen. Bisher wirbelte nur Lionel Messi wie erhofft durch die Abwehrreihen. Cristiano Ronaldo konnte aus Portugals Kollektiv noch nicht herausstechen. Brasiliens Rotsünder Kaka fiel eher durch ungewohnte Aggressivität auf, und der im Werbespot als Königinnen-Knutscher karikierte Wayne Rooney war bis zum Gruppenfinale gegen Slowenien nur eine schlechte Kopie seiner selbst.

Während Südkoreas wackere Kämpfer den neuen Fußball-Kanon schnell umgesetzt haben und erstmals außerhalb ihres Landes die K.o.-Phase erreichten, hat Afrika den Anschluss ausgerechnet zu Hause verpasst. Nur ein afrikanischer Sieg in der ersten Turnierhalbzeit war ein deutliches Zeichen. Und Südafrikas Leidenschaft konnte die taktische Naivität nicht ausgleichen. Erstmals flog ein Gastgeber in der Gruppenphase raus.

«Alle afrikanischen Teams haben sehr talentierte und gute Spieler. Ihr Problem ist häufig, dass in den Verbänden und bei den Nationaltrainern zu wenig Kontinuität herrscht. Da ist es schwer, etwas aufzubauen», sagte der nach drei Dienst-Monaten mit Nigeria gescheiterte Schwede Lars Lagerbäck.

Fußball / WM / Bilanz / Taktik
23.06.2010 · 23:07 Uhr
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