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Technik-Wildwuchs bei Twitter verhindert Zensur im Iran

twitter.com/persiankiwiGroßansicht
Hamburg (dpa) ­ Bei den Protesten im Iran spielen Onlinedienste aus dem «Social Web» wie Twitter, Facebook und YouTube seit Tagen eine bedeutende Rolle. Oppositionsgruppen nutzen etwa das 140-Zeichen-Medium Twitter, um Demonstrationen gegen das offiziell verkündete Wahlergebnis zu organisieren.

Auf Facebook geben sie Hinweise, welche Straßenzüge in Teheran man meiden sollte, weil sich dort gerade die Schlägertrupps der Regierung aufhalten.

Twitter-Anwender wie «persiankiwi» (http://twitter.com/persiankiwi), die offenbar direkt aus dem Iran über die aktuellen Ereignisse berichten, haben inzwischen zehntausende «Follower» (Abonnenten). Damit können Internet-Anwender weltweit Augenzeugen einer Entwicklung werden, die das Regime in Teheran eigentlich der Weltöffentlichkeit lieber verbergen würde ­ auch wenn der Wahrheitsgehalt der Meldungen aus dem digitalen Untergrund nicht garantiert werden kann. Vor diesem Hintergrund fragen sich viele Experten, wie lange Twitter, Facebook, YouTube und ähnliche Dienste noch unzensiert im Iran genutzt werden können.

Jonathan Zittrain, Jura-Professor an der Harvard Law School, beschreibt in seinem Blog futureoftheinternet.org, dass der Iran eigentlich alle Voraussetzungen für eine technische Blockade des Internets habe. Nachdem das Regime zunächst eine Filtersoftware aus den USA verwendet habe, um die Zugriffe auf missliebige Internetseiten zu blockieren, sei der Iran nun in der Lage, mit einem selbst entwickelten System das Web zu zensieren.

Um ein soziales Netzwerk wie Twitter auszuschalten, reicht es aber längst nicht aus, den Zugriff auf die Homepage des Kurzmittelungsdienstes (www.twitter.com) zu blockieren. Twitter ermöglicht nämlich der Netz-Gemeinde, über sogenannte Programmierschnittstellen (APIs) auf den Dienst zuzugreifen. Diese APIs öffnen Twitter für Programme und Netzdienste anderer Anbieter. Sie tragen aber auch nicht unbedingt zur technischen Stabilität von Twitter bei. Dieser Technik-Wildwuchs erfordert nicht nur vergleichsweise häufig Wartungsarbeiten bei Twitter, sondern ist vermutlich auch ein wichtiger Grund, warum eine wirksame Zensur des gesamten Twitter-Systems komplex und schwierig ist.

Nach einem Bericht der «Washington Times» hat die US-Regierung nun das in Kalifornien ansässige Unternehmen Twitter gebeten, wegen seiner Rolle bei den Protesten Wartungsarbeiten zu verschieben. «Wir haben ihnen klargemacht, dass sie eine wichtige Form der Kommunikation darstellen», sagte ein hoher Beamter des US- Außenministeriums.

Twitter-Mitbegründer Biz Stone zeigte sich wenig glücklich über die Einmischung aus dem State Department, auch weil sich das Netzwerk nicht als Erfüllungsgehilfe der eigenen Regierung empfindet: «Das Außenministerium hat keinen Einfluss auf unseren Entscheidungsprozess», schrieb Stone in seinem Blog. Die Ereignisse würden derzeit weltweit so sehr beachtet, dass es Twitter und dem technischen Dienstleister NTT America sinnvoll erschienen sei, die Wartungspause zu verschieben. «Nichtsdestotrotz können beide Seiten (Twitter und das Außenministerium) sich darauf verständigen, dass ein freier Informationsaustausch eine positive Kraft in der Welt darstellt.»

Blog-Eintrag von Jonathan Zittrain: http://shrt.biz/ira

Wahlen / Internet / Iran
17.06.2009 · 22:53 Uhr
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