News
 

Stress und Burnout - Asiaten machen kein Yoga

Jeder zweite Beschäftigte in Deutschland fühlt sich im Job gehetzt. Mehr als die Hälfte macht Überstunden. Viele fühlen sich leer und ausgebrannt. Was ist los mit der westlichen Welt? Im 19. Jahrhundert, als der Industriekapitalismus seinen Siegeszug antrat, war die Arbeitsbelastung viel höher als heute. Die Maschinen waren laut, die Akkordarbeit extrem ermüdend, der Arbeitstag hatte zwölf Stunden.

Heute dagegen arbeiten viele Menschen im Büro. Der Acht-Stunden-Tag hat sich etabliert. Auch wenn, wie der Deutsche Gewerkschaftsbund in seiner Umfrage herausgefunden hat, 67 Prozent der Arbeitnehmer Überstunden machen, bleibt die Arbeitsbelastung weit unter dem, was in den Fabriken im 19. Jahrhundert an Leistung erbracht werden musste. Doch ist es eine regelrechte Epidemie, die um sich greift. Schlaflosigkeit, Appetitlosigkeit, Schweißausbrüche, Angstgefühle – der Westen leidet unter Stress.

Medizinisches Stress-Phänomen ist noch jung

Eigentlich gehören die Symptome zum evolutionären Verhaltensschatz des Homo Sapiens, um das Überleben zu sichern. Nimmt der Körper eine Bedrohung wahr, schüttet er mehr Energie aus, um zu überleben.

Stress als medizinisches Phänomen ist dagegen relativ jung. Erstmals wurde es 1936 von einem Mediziner benutzt, ab den 1950er Jahren verbreitete es sich rasant in der westlichen Welt. «Wir reden ständig über Stress», sagt Christian Strümpell. Der Ethnologe forscht seit Jahren an der Uni Heidelberg zu interkulturellen Ausprägungen von Arbeitsdruck.

In den 1950er Jahren, als im Westen der Stress immer populärer wurde, arbeiteten die Menschen in Asien vor allem in der Landwirtschaft. Durch die Industrialisierung hat sich das Arbeitsleben inzwischen auch dort gewandelt. Akkordarbeit ist an der Tagesordnung, teilweise zwölf Stunden am Tag, sechs Tage die Woche. Stressforscher Strümpell untersucht deshalb, ob das westliche Konzept von Stress auch in Asien zu grassieren beginnt. «Wir forschen, ob es dort andere Methoden der Bewältigung von Anspannungssituationen gibt», sagt der 39-jährige Wissenschaftler.

Anti-Stress-Industrie im Westen, Akkordarbeit in Fernost

Nach mehreren Forschungsaufenthalten in Bangladesch und Indonesien sagt Schrümpell: «Stress als Wort taucht in Asien kaum auf, die Idee hat dort noch nicht Fuß gefasst.» Wer in der Fabrik arbeite, spreche zwar von «Druck» oder «Spannung». Die Symptome sind recht ähnlich – etwa Schlafstörungen oder Appetitlosigkeit. Neben den langen und harten Arbeitsschichten seien Verkehrschaos, Lebensorganisation oder Schlafmangel anstrengender als im Westen: «Für unsere Verhältnisse ist das Leben in Asien sehr stressig», so der Forscher. «Aber niemand geht zum Arzt und lässt sich Medikamente gegen Stress verschreiben.»

Hängt das Stress-Empfinden vielleicht auch vom gesellschaftlichen Bewusstsein für den Arbeitsdruck und Angeboten ab, etwas dagegen tun zu können?

Denn im Westen warnen Krankenkassen und Gewerkschaften vor dem Burnout. Es blüht eine Industrie, die Heilung vom Stress verspricht. Paradox: Während die Menschen hierzulande auf Yoga-Kurse oder ayurvedische Tee-Mischungen gegen den Stress setzen, nutzen die Menschen in den Ursprungsländern dieser Entspannungstechniken diese wenig. «Auch, weil ihnen die Zeit dafür fehlt», so Strümpell. Der Stressforscher empfiehlt daher Ost wie West, einen Gang zurückzuschalten. Allerdings gibt er auch zu, dass es schwer sei, sich diesem Druck zu entziehen. «Es wäre das Richtige, aber wer macht das schon?»

[news.de] · 01.06.2012 · 09:24 Uhr
[0 Kommentare]

Die aktuellen Schlagzeilen

 
 

 

Weitere Themen