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Staatshilfe - Hat Schlecker das verdient?

Ist das noch Tragik oder schon Dreistigkeit? Traditionsreiche Unternehmen, die sich jahrzehntelang auf dem Markt behaupten konnten, Trends gesetzt und sich erfolgreich gegen junge Konkurrenzunternehmen durchgesetzt haben, schreiben auf einmal rote Zahlen und fordern dann Unterstützung vom Staat.

Schlecker ist nicht das erste deutsche Unternehmen, das - zumindest für Großteile der Öffentlichkeit - unerwartet in finanzielle Schwierigkeiten geraten ist. Jetzt ruft der Betriebsrat der Drogeriekette nach Staatshilfe. Immerhin handle es sich um «ein prinzipielles Anliegen, bei Opel und den Banken war das schließlich auch ein Thema». Doch hat Schlecker die Hilfe in Millionenhöhe verdient?

Rückschau: Als die Krise der Autoindustrie 2009 auch Opel erreicht, steht der einstige Wirtschaftsminister Guttenberg mit seiner Forderung nach einer geordneten Insolvenz allein auf weiter Flur. Ob aus Wahlkampfkalkül oder ernster Sorge, die Bundesregierung wollte - in Verbindung mit der Suche nach Übernahmeangeboten aus dem Ausland - die deutsche Automarke retten. Um jeden Preis. Opel forderte vier Milliarden Euro Staatshilfe, doch bekommen hat das Unternehmen nichts. Der Automobilhersteller General Motors, dem Opel gehört, soll laut aktuellen Berichten europaweit rote Zahlen schreiben.

Alles für die Haftcreme auf dem Land

Vor mehr als zwölf Jahren ließ sich der damalige Kanzler Gerhard Schröder feiern, als er dem angeschlagenen Bauunternehmen Holzmann Hilfe zusicherte. Es wurde zur politischen Megashow, als Schröder den größten Teil der 17.000 Arbeitsplätze in Deutschland sicherte. Gemeinsam mit den Gläubigerbanken feilte der ehemalige Bundeskanzler an einem millionenschweren Hilfspaket. Auch der Bund gewährte eine Bürgschaft in Höhe von 100 Millionen Mark, die jedoch nicht in Anspruch genommen wurde. Doch die Hilfsaktion für die Philipp Holzmann AG gründete auf falschen Annahmen. In den Folgejahren machte das Unternehmen schnell wieder Verluste in zwei- bis dreistelliger Millionenhöhe, heute ist es insolvent - und vergessen.

Nun also Schlecker. Zwar unterscheiden sich die Strukturen der Unternehmen, doch im Kern handelt es sich immer um große Marken, die Trends verschlafen und schlecht gewirtschaftet haben. Wie sonst wären die hohen Verluste zu erklären?

Staatshilfen sollen das angeschlagene Familienunternehmen jetzt wieder auf Kurs bringen. Die Schlecker-Gesamtbetriebsratsvorsitzende Christel Hoffmann erklärt, warum das insolvente Drogerieunternehmen diese verdient hat. «Wir wollen keinen Rettungsschirm für Schlecker oder so etwas», sagte sie. «Aber auch die Politik muss doch darüber nachdenken, wie Oma und Opa auf dem Land ihre Haftcreme für die dritten Zähne kaufen können.»

«Ein Umbau des Filialnetzes ist weder finanzierbar noch wirtschaftlich sinnvoll»

Die Fachanwältin für Insolvenzrecht, Julia Kappel-Gnirs, hält dagegen: «Das von Arbeitnehmerseite eingebrachte Argument der Sicherstellung einer flächendeckenden Nahversorgung dürfte mit Sicherheit nicht greifen. In gleicher Weise könnten so andere Konkurrenten auf Subventionen pochen.» Auch generell ist Kappel-Gnirs davon überzeugt, dass bankrotte Unternehmen von staatlichen Hilfen nicht wirklich profitieren.

Entscheidender seien neue Produktideen. Über den Erfolg oder Misserfolg des Neustarts eines pleite gegangenen Unternehmens entscheidet immer das neue Konzept. Dieses «ist elementar für die Fortführung in und über die Insolvenz hinaus», so Kappel-Gnirs. Unternehmensberater, Wirtschaftsprüfer, ein Insolvenzverwalterteam und der Gläubigerausschuss entwickeln und prüfen in ständiger Absprache miteinander das Restrukturierungskonzept. Immer mit dem Ziel, das Unternehmen zukunftsfähig zu machen.

Fakt ist, dass die mehr als 6000 Schlecker-Filialen nicht mehr zeitgemäß sind. Die Konkurrenten Rossmann und dm bieten eine ähnliche Produktpalette zum Teil erheblich günstiger an. «Ein Umbau des gesamten Filialnetzes ist wohl weder finanzierbar noch wirtschaftlich sinnvoll», sagt Kappel-Gnirs. Eine solche Umstrukturierung könnte nur dann Erfolg versprechen, wenn «ein Investor damit weitergehende Ziele verfolgt, die in sein gesamtes Unternehmenskonzept passen». Besser sieht es für die mittelgroßen, bereits renovierten Filialen in größeren Städten Deutschlands sowie die Tochtergesellschaften im Ausland aus. Dafür «sehen wir, sofern Investoren gefunden werden, Chancen», so die Einschätzung der Expertin.

Wie heute bekannt gegeben wurde, schließt die insolvente Drogeriekette Schlecker jede zweite Filiale und streicht mehr als die Hälfte der rund 30.000 Arbeitsplätze. Insgesamt sollen lediglich rund 13.500 Arbeitsplätze erhalten bleiben. Zudem sollen 3000 der bislang rund 6000 Geschäfte des Familienkonzerns aus dem schwäbischen Ehingen schließen.

Doch warum musste es überhaupt so weit kommen? Kappel-Gnirs meint, dass vor allem familiengeführte Unternehmen in Deutschland Probleme damit haben, sich zu verändern. «Nur ungern gibt man konzentrierte Macht ab», sagt sie. Die späten Umbaumaßnahmen hätten auch deshalb nicht mehr wirken können, weil mittlerweile auch der Ruf des Arbeitgebers beachtlichen Schaden genommen hatte und die Gesellschaftsstruktur nicht für Drittkapital geöffnet wurde. Auch im Fall Schlecker gilt für Kappel-Gnirs: «Nichts ist gefährlicher als der Erfolg von gestern.»

Julia Kappel-Gnirs ist Fachanwältin für Insolvenzrecht und arbeitet seit Herbst 2005 bei Hermann Rechtsanwälte. Dabei hat sie sich auf die Tätigkeitsschwerpunkte Insolvenzverwaltung und Sanierungsberatung spezialisiert. Zu ihren Aufgaben gehört die Abwicklung komplexer Insolvenzverfahren, im Besonderen auch die Fortführung von Unternehmen.

[news.de] · 29.02.2012 · 10:31 Uhr
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