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Sportsoziologe Gebauer klagt an: Fehler im System

Ein Meer aus Kerzen stehen für den verstorbenen Robert Enke vor der AWD-Arena.
Hamburg (dpa) - Mit schonungsloser Systemkritik hat der renommierte Sportsoziologe Gunter Gebauer nach dem Selbstmord von Nationaltorhüter Robert Enke mit dem Profifußball abgerechnet.

«Der Profifußball hat sich zu einer unerbittlichen Welt entwickelt. Das macht einen Teil seiner Faszination aus: Er fordert von seinen Helden den Sieg über alle Gegner», erklärte der Berliner Philosophie-Professor in einem Interview mit der Deutschen Presse-Agentur dpa. Der Profisport träume vom «unfehlbaren Athleten», aber dieser Mythos sei nicht nur naiv, sondern auch äußert gefährlich.

Auch Professor Florian Holsboer, Direktor des Münchner Max-Planck-Instituts für Psychiatrie, befürchtet Langzeitfolgen und fordert die Kultivierung des sensiblen Künstlertyps. «Ich glaube, dass wir ein wenig auf den Einheits-Fußballer zusteuern und die besonderen Typen verlieren», sagte der Mediziner, der den ehemaligen Fußball-Star Sebastian Deisler wegen Depressionen behandelt hatte. Der Mikrokosmos müsse lernen, «dass es genauso Verletzungen im Bereich der Psyche geben kann wie eine Verletzung im Knie. Man darf auch als Fußball-Profi krank werden».

Im Spannungsfeld zwischen Geld und Geltung verlieren aber mehr und mehr Athleten die Orientierung. In der maskulinen Ellbogenwelt Fußball-Bundesliga sind nicht nur Depressionen ein Tabuthema, aber Gebauer bezweifelt, dass sich dieser Mikrokosmos öffnen kann. Der 65-Jährige nimmt nach Enkes Suizid die Verwertungsmaschinerie mit Managern, Präsidenten, Spielervermittlern, Journalisten und dem Publikum in die Pflicht. «Sie können einen Spieler nicht zum Übermenschen aufbauen, dann als Flasche verhöhnen, als Ware verhökern und erwarten, dass er dies 'sportlich einsteckt'», forderte der Wissenschaftlicher und setzte sogar noch einen drauf: «Wer jetzt Trauer pathetisch ins Bild setzt, profitiert noch einmal von ihm als Ware und von den emotionalen Reaktionen, die ein überfahrener Sportlerkörper auslöst. Nur die Treuen haben ein Recht, jetzt zu trauern.»

Die bemerkenswerte Anteilnahme der Öffentlichkeit im Fall Enke erinnert ihn an die Trauerbekundungen nach dem Tod von Popstar Michael Jackson. «Enke war volksnah und einer von uns - vielleicht erklärt es das», sagte Gebauer und warnte vor grenzenloser Gier nach unverletzbaren Helden: «Jeder weiß, dass es das nicht gibt - aber jeder will die Unbesiegbarkeit 'seines' Spielers.» Wie «Achill oder Siegfried soll er mit einer undurchdringlichen Schutzschicht überzogen sein, die seinen Körper und seine Seele unverletzbar macht. Wenn er unzerstörbar und kaltblütig ist, gehört er zu den Größten und kann höchste Gagen bekommen.»

Wenn nicht, wird's brenzlig. Die allgemeine Sehnsucht nach unverwundbaren Siegfried-Typen gehört zum Geschäft. Das Hin und Her zwischen Identität und Irrationalität kann aber, so Gebauer, einen Profi dazu bringen, «eine geheime innere Seelenlandschaft zu graben und sich darin einzuschließen, ohne einen Ausweg zu sehen». Und für den Torwart ist der Druck besonders hoch. «Er darf keinen Fehler machen», meinte der Professor, «sein Trumpf soll die mentale Stärke sein. Wenn sich sein Blickfeld verengt, führt das zu einem sportlichen Desaster, schließlich in die menschliche Katastrophe.»

Fußball / Enke / Deutschland
15.11.2009 · 14:28 Uhr
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