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Soziologe: «Alarmbereitschaft ist ein knappes Gut»

Die Dauerkrise als Chance: Das Euro-Schuldenproblem kann für Europa zu einem Lehrstück werden, glaubt der Soziologieprofessor Gerhard Schulze. Die Krise sensibilisiere für die Unterscheidung zwischen Illusionen und Wirklichkeit.

Berlin (dpa) - Die Krise will nicht enden - mehrere Euro-Länder hängen an den Finanzhilfen wie Süchtige an der Nadel. Trotzdem: Krisen haben aber auch ihr Gutes, glaubt der Soziologe und Buchautor Gerhard Schulze («Krisen. Das Alarmdilemma»). Im Interview der Nachrichtenagentur dpa erklärt der Bamberger Professor, wie man mit Krisen umgeht. Und was wir daraus ziehen können.

Herr Schulze, wie soll man mit der Euro-Schuldenkrise umgehen?

Gerhard Schulze: «Die Krise hat auch ihr Gutes: Sie schärft unsere Wahrnehmung für Lügen, Illusionen, leere Versprechen und Rechtsbrüche - andererseits für den wahren Stand der Dinge. Zudem sensibilisiert sie gegen euphorische Europarhetorik und zwingt zum Nachdenken darüber, was wir wirklich wollen. Die Krise ist der Rohrstock des Lehrmeisters Wirklichkeit im kollektiven Lernprozess.»

Was bedeutet die Euro-Schuldenkrise eigentlich für uns?

Schulze: «Das Symptom verdeckt den grundlegenden Mangel, der es verursacht hat. Das Symptom heißt Griechenland, seine Ursache aber ist das Fehlen von Institutionen, die eine Angleichung von Ländern mit unterschiedlichen Wirtschaftskulturen herbeiführen könnten. Inzwischen fragen viele: Warum eigentlich?»

Manche Krisen scheinen unser Leben zunächst gar nicht zu betreffen, weil sie so abstrakt sind. Wie soll man sie dann erst verstehen?

Schulze: «Wir sind von immer mehr und größeren Funktionssystemen abhängig. Nehmen wir den Stromausfall von Hannover (am 13. Juli): Eine halbe Million Menschen saß zwei Stunden im Dunkeln. Ohne diese Systeme gab es früher diese Krisen nicht, aber man genoss auch nicht die Vorteile wie Energie, Verkehr, Telekommunikation oder anderes. Die gute Nachricht ist: Wir kommen mit den Systemkrisen immer besser klar. Die erste Weltwirtschaftskrise vor circa 80 Jahren beispielsweise dauerte länger und betraf die Menschen viel stärker als die aktuelle.»

Ist es klug, wenn wir uns in permanenter Alarmbereitschaft halten?

Schulze: «Alarmbereitschaft ist ein knappes Gut, das man nachhaltig bewirtschaften muss, weil man es an vielen Stellen braucht. Jedem Alarm steht ein Korrespondenzalarm gegenüber: Vorsicht vor den Folgen der vermeintlichen Rettungsmaßnahmen! Die Risiken der Kernkraft etwa wurden ausgiebig beschworen, über die Risiken des abrupten Ausstiegs dagegen hörte man in Deutschland nur wenig. So gesehen gibt es sogar nicht zu viel, sondern zu wenig Alarm, weil Risiken und Gegenrisiken oft nicht gegeneinander abgewogen werden.»

Was muss die Politik bei solchen Krisen tun?

Schulze: «Als erwachsene Menschen brauchen wir von politischer Seite keine Seelenmassage, sondern Informationen und Entscheidungen. Warnen oder beruhigen kann sich jeder selbst. Gute Entscheidungen brauchen Zeit und eine offene Diskussion. Solche Banalitäten wirken gegenwärtig allerdings wie Nachrichten von einem anderen Stern.»

Wie lässt sich unser Krisenbewusstsein historisch verorten?

Schulze: «Unsere Sorge nimmt zu, und zwar als Folge andauernder Selbstbeobachtung, die den Kern und das Erfolgsprinzip der Moderne ausmacht: Was sind die Folgen unseres Tuns? Wie können wir es besser machen? Wie können wir Probleme und Gefahren minimieren? Wir sind im postheroischen Zeitalter angekommen, spät genug, aber immerhin. Besorgt-Sein nervt zwar, aber es verlängert das Leben ungemein.»

Sind die Deutschen besonders krisensensibel?

Schulze: «Der Historiker Walter Laqueur etwa sieht das so und er ist nicht der einzige. Mehr als andere Nationen kultivieren wir die Besorgnis, ziehen Sicherheit dem Wagnis vor und kennen Stoizismus vor allem aus dem Lexikon. Wie die Bundesregierung auf die japanische Katastrophe reagiert hat, ist weltweit ohne Beispiel.»

Wenn Deutsche sehr krisensensibel sind, was sind dann die Griechen?

Schulze: «Das ist der neuralgische Punkt: In der EU sollen sich gänzlich unterschiedliche Kulturen der ökonomischen Krisenwahrnehmung angleichen. Für die Griechen waren Zahlungsbilanzdefizite, Inflation, Staatsverschuldung und ein aufgeblähter öffentlicher Dienst so normal wie für uns Deutsche das Gegenteil. Jetzt haben beide die Krise: Die Griechen, weil sie sich von der deutschen Normalität "bedroht" sehen; die Deutschen, weil sie "griechische Verhältnisse" befürchten.»

Was passiert mit Europäischen Union nach der Krise?

Schulze: «Auch wenn zurzeit große Europaverdrossenheit herrscht - die Union hat längst den "point of no return" überschritten. Auf den Weg gebracht wurde Europa durch Begeisterung, jetzt aber geht es weiter mit Pragmatismus. Europa wird aus der Krise lernen.»

EU / Finanzen / Gesellschaft
22.07.2011 · 11:38 Uhr
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