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Soziale Herkunft entscheidet über Gymnasialbesuch

Schülerin an der TafelGroßansicht
Berlin (dpa) - Akademikerkinder haben bundesweit eine fast dreimal so große Chance, von ihren Grundschullehrern eine Empfehlung für den Besuch des Gymnasiums zu bekommen, wie Kinder aus der Mittel- und Unterschicht.

Das gilt auch dann, wenn sie über die gleiche Intelligenz und über das gleiche Lesevermögen verfügen. Dies geht aus einer Sonderauswertung der Internationalen Grundschul-Lese-Untersuchung (IGLU) durch den Schulforscher Wilfried Bos von der TU Dortmund hervor.

Dabei gibt es erhebliche Unterschiede zwischen den einzelnen Bundesländern. Die Länder-Ergebnisse liegen der Deutschen Presse- Agentur vor.

Die Koppelung von sozialer Herkunft und Gymnasialchancen ist demnach im Saarland, in Sachsen, Hessen, Bayern und in Sachsen- Anhalt besonders groß. In den Bundesländern Berlin, Brandenburg, Bremen, Mecklenburg-Vorpommern und Thüringen fanden die Schulforscher hingegen keine bedeutsamen Unterschiede - wenn man die Gymnasialempfehlungen von Kindern mit gleicher Intelligenz und Lesekompetenz vergleicht.

Zum Vergleich: Während bundesweit die Gymnasialchancen von Akademikerkindern 2,72 Mal so groß sind wie die von Kindern aus der Mittel- und Unterschicht, erreicht das Saarland mit einer Quote von 4,52 im Bundesländervergleich den schlechtesten Wert in Sachen Chancengleichheit, gefolgt von Sachsen (4,12), Hessen (3,84) und Bayern (3,30). Auch das bevölkerungsreichste Bundesland Nordrhein-Westfalen schneidet mit 3,10 schlechter als der Bundesschnitt ab.

Die Vize-Vorsitzende der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW), Marianne Demmer, sagte, die Daten belegten erneut «den Unsinn einer Auslese von zehnjährigen Kindern für unterschiedliche Schulformen». So blieben im deutschen Schulsystem «viele Talente und Fähigkeiten unentdeckt oder werden sogar verschüttet, weil Kindern aus unteren Schichten der Besuch des Gymnasiums nicht zugetraut wird». Dies verstoße auch gegen die ökonomische Vernunft.

Die Grundschulleiter aus allen Bundesländern sollten sich zusammentun, um sich diesem Auslesedruck zu widersetzen, forderte Demmer. So hätten in Nordrhein-Westfalen bereits über 1000 Grundschulleitungen einen entsprechenden Appell unterschrieben.

Die Bundesländerauswertung war nicht Bestandteil des IGLU- Untersuchungsauftrages der Kultusministerkonferenz (KMK). Bos stellte seine Ergebnisse jetzt auf einem Treffen der Länder-Staatssekretäre vor.

Nach Aussage des Wissenschaftlers ist bundesweit jede dritte Grundschullehrer-Empfehlung über die weitere Schullaufbahn nach Klasse vier «nicht optimal». Zum Zeitpunkt der IGLU-Untersuchung 2006 war die Lehrerempfehlung in den Ländern Bayern, Baden-Württemberg, Saarland, Sachsen-Anhalt und Thüringen aber wesentlich entscheidend für die Zulassung zum Gymnasium. Stimmen Elternwunsch und Lehrerempfehlung nicht überein, kennen mehrere Länder auch Aufnahmeprüfungen und Prognoseunterricht.

Bildung
20.04.2010 · 14:30 Uhr
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