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Skandalforscher: Keine gute Prognose für Wulff

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Berlin/Hamburg (dpa) - «Deutschland hat in den vergangenen Jahren eine Häufung von Skandalen erlebt, die das Misstrauen in das gesellschaftliche Führungspersonal unterstreichen», sagt der Medienwissenschaftler Steffen Burkhardt, Direktor am International Media Center der Universität Hamburg.

Im Interview mit der Deutschen Presse-Agentur (dpa) erklärt der Skandalforscher die Vorgänge rund um Bundespräsident Christian Wulff und sagt aus seiner Erfahrung heraus: «Die Historie lässt auf keine gute Prognose für Wulff hoffen.»

Herr Dr. Burkhardt, wo liegt der eigentliche Skandal, wenn der Bundespräsident bei Medien-Chefs anruft und droht?

Burkhardt: «In dieser Affäre gibt es zwei Normverletzungen. Die erste Grenzüberschreitung betrifft die Sachfrage der Geschäftsbeziehungen von Christian Wulff, die juristisch beurteilt werden muss. Der zweite und derzeit größere Vorwurf bezieht sich auf seinen Umgang mit den Vorwürfen. Mit den Drohungen, die Wulff gegenüber mehreren Spitzenkräften des Springer-Verlags ausgesprochen hat, bestätigt er das Klischee, dass "die da oben" alle versippt sind. Es ist in der Geschichte der Bundesrepublik ein einmaliger Vorgang, dass ein Bundespräsident Journalisten bedroht und ihrer Berufsausübung zu behindern versucht. Die Presse erfüllt zentrale Funktionen in einer Demokratie und das Grundgesetz sichert ihr daher einen besonderen Schutz zu. Es war ein guter Schritt, dass die Einschüchterungsversuche des Staatsoberhauptes öffentlich gemacht wurden. Die Veröffentlichung zeigt, dass es unabhängigen Journalismus in Deutschland gibt, der sich gegen Eingriffe in die Pressefreiheit zur Wehr setzt. "Bild"-Chefredakteur Kai Diekmann hat mit seiner Enthüllung der Causa Wulff bewiesen, dass er sich nicht durch eine Nähe zum Bundespräsidenten korrumpieren lässt.»

Wie kann man sich das Verhalten von Bundespräsident Wulff, der ja eigentlich Polit- und Medien-Profi sein sollte, erklären?

Burkhardt: «Christian Wulff agiert wie ein in Sachen Krisenkommunikation und Skandalmanagement schlecht beratener Konzernchef. Viele PR-Berater, die in solchen Fällen von Anwaltskanzleien eingeschaltet werden, empfehlen den Betroffenen, nichts zuzugeben, was nicht ohnehin bekannt ist. Statt zielführender Krisenkommunikation wird Druck auf die Medien ausgeübt und versucht, durch leere Entschuldigungsformeln die Öffentlichkeit schnell zu besänftigen. Dieses Skandalmanagement funktioniert nur im Ausnahmefall und ist für ein Staatsoberhaupt völlig ungeeignet. Ein Bundespräsident muss in persona die Integrität unseres Grundgesetzes repräsentieren. Ich kann daher nur vermuten, dass Wulff diesen Realitätsbezug verloren hat.»

Gibt es in unserer Mediendemokratie überhaupt noch eine Chance für den Bundespräsidenten, da raus zu kommen und sein Amt zu behalten?

Burkhardt: «In meiner Forschung beschäftige ich mich mit über 2000 Jahren Skandalgeschichte und die Historie lässt auf keine gute Prognose für Wulff hoffen. Mit der zweiten Normverletzung hat der Bundespräsident sich in seiner Krisenkommunikation verheddert. Historisch betrachtet ist diese kommunikative Grenzüberschreitung häufig das eigentliche "Skandalon", die Stolperfalle der Mächtigen, die sich über das moralische Selbstverständnis der Gesellschaft hinwegsetzen. Eingriffe in die Pressefreiheit sind mit unserer Demokratie nicht vereinbar und daher reagieren die Medien zurecht empört auf die Vorfälle. Sicherlich würde der Bundespräsident durch einen schnellen Rücktritt weiteren Schaden von dem Amt abwenden. Doch wer erst einmal im Skandal verstrickt ist, kämpft häufig nur noch um seine soziale Position, statt Fehler einzugestehen und Konsequenzen zu ziehen. Margot Käßmanns Verhalten war eine vorbildliche Ausnahme, die ihr breite Anerkennung eingebracht hat. Die wahre Größe von Herrn Wulff wird daher sicherlich an seinem Verhalten in den kommenden Tagen gemessen werden können.»

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Steffen Burkhardt
Bundespräsident / Medien
03.01.2012 · 13:36 Uhr
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