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Schwarz-Gelb wegen Stuttgart-21-Einsatz in Bedrängnis

Nach einer friedlichen Demonstrationsnacht im Stuttgarter Schlossgarten sind die Baggerarbeiten wieder aufgenommen worden.Großansicht

Stuttgart (dpa) - Die schwarz-gelbe Landesregierung in Baden-Württemberg gerät wegen des harten Polizeieinsatzes gegen Stuttgart-21-Gegner immer stärker unter Druck.

CDU-Innenminister Heribert Rech schloss am Samstag in einem Interview einen Rücktritt nicht aus, sollte es bei dem Einsatz am Donnerstag Pannen gegeben haben. Kurz danach ruderte er zurück: «Innenminister Rech schließt einen Rücktritt aus», sagte seine Sprecherin der Nachrichtenagentur dpa in Stuttgart. Zuvor hatte der CDU-Politiker eingeräumt, dass es noch keine handfesten Beweise dafür gebe, dass die Gewalt zuerst von Seiten der Demonstranten ausgegangen sei.

Am Freitagabend hatten zehntausende Demonstranten am Stuttgarter Hauptbahnhof den Rücktritt von Rech und Ministerpräsident Stefan Mappus (CDU) gefordert. Sie gaben ihnen die Schuld für den Gewaltausbruch mit hunderten verletzten Demonstranten am Donnerstag im Stuttgarter Schlossgarten - darunter waren auch Schüler und Rentner. Es sollten eine Baufläche für das Bahnprojekt Stuttgart 21 geräumt und Bäume gefällt werden.

Regierungschef Mappus ging die Grünen hart an. «Die Grünen helfen mit, eine außerordentliche Opposition zu organisieren, die so tut, als ob wir in einer Diktatur leben», sagte der CDU-Politiker der «Welt am Sonntag». Es sei kein Zufall, dass die Sache ein halbes Jahr vor der Landtagswahl hochgeputscht werde. Grünen-Bundeschefin Claudia Roth nannte die Proteste gegen das Bahnprojekt «ein Fanal für Baden-Württemberg und die ganze Bundesrepublik». Der Grünen-Verkehrsexperte Werner Wölfle sagte der dpa: «Wenn Innenminister Heribert Rech zurücktritt, wäre er nur ein Bauernopfer.» Mappus trage die Verantwortung für den Polizeieinsatz.

Nach dpa-Informationen wurde die Polizei bei ihrem Einsatz am Donnerstag von der Anwesenheit hunderter Schüler im Schlossgarten überrascht. «Man musste nicht davon ausgehen, dass sie zur Polizei herüberrennen», hieß es in Sicherheitskreisen. Der angemeldete Schülerdemonstrationszug sei von seiner Route abgewichen. Aktivisten hätten die Schüler offensichtlich in den Park gelockt. «Die neuen Medien zerstören in Sekundenschnelle, was wir vorhaben», hieß es in den Kreisen.

Der «Spiegel» berichtet, Polizeipräsident Siegfried Stumpf habe die Schülerdemo bei den Einsatzplanungen nicht berücksichtigt. Ursprünglich sei der Einsatz erst am Nachmittag vorgesehen gewesen. Da Projektgegner davon aber Wind bekommen hätten, habe Stumpf die Aktion auf den Vormittag vorverlegt. Als die Schüler in den Schlossgarten strömten, sei es zu spät gewesen, die Aktion zu stoppen. «Die Baufahrzeuge rollten schon», sagte der Polizeipräsident dem Nachrichtenmagazin.

Im Deutschlandfunk hatte Innenminister Rech am Samstagmorgen auf die Frage nach einem möglichen Rückzug gesagt: «Wenn die Polizei unverhältnismäßig gehandelt hat, dann muss das natürlich auch Konsequenzen haben. Da scheue ich mich persönlich vor keinerlei Konsequenzen, auch wenn ich den Einsatz von Wasserwerfern nicht angeordnet habe.» Er fügte aber hinzu: «Zunächst habe ich mich vor die Polizei zu stellen, bis das Gegenteil vorliegt.» Er verlasse sich weiterhin darauf, «dass die Polizei richtig gehandelt hat». CDU-Generalsekretär Thomas Strobl sagte im «Tagesspiegel»: «Die Straftaten gingen von den Demonstranten aus.»

Die Eskalation war aus Sicht der Deutschen Polizeigewerkschaft absehbar. «Man kann nicht die Polizei losschicken, um den Platz freizumachen, und nicht gleichzeitig berücksichtigen, dass es zu Tumulten und einer Eskalation der Lage kommt», sagte der Landesvorsitzende der DPolG, Joachim Lautensack, der dpa. «Den Auftrag für den Einsatz gab die Politik, namentlich Innenminister Heribert Rech.»

Die Einsatzkräfte waren am Donnerstag bei der Räumung des Stuttgarter Schlossgartens für Vorarbeiten für das Bahnprojekt Stuttgart 21 mit Wasserwerfer, Pfefferspray und Schlagstöcken gegen Demonstranten vorgegangen. Etwa 700 Beamte aus mehreren Bundesländern mit voller Schutzmontur waren im Einsatz. Es gab mehrere hundert verletzte Demonstranten, die vor allem Augenreizungen, aber auch Platzwunden und Nasenbrüche erlitten. Ein 22-jähriger Mann bekam einen frontalen Wasserwerferstrahl ab und wurde schwer am Auge verletzt.

Die Beamten seien mit Wurfgeschossen und Pfefferspray attackiert worden, hatte Rech erklärt. Ein Journalist habe ihm berichtet, dass auch ein Stuhl geflogen sei. Auch die Blockade der Polizeilastwagen durch Schüler sei unrechtmäßig gewesen. «Eine Verhinderungsblockade ist nicht gedeckt durch das Versammlungsrecht.» Mappus und Rech wollen sich in den nächsten Tagen auch die Darstellung von jungen Demonstranten anhören.

Bei der bislang größten Demonstration gegen den Umbau des Stuttgarter Hauptbahnhofs in eine unterirdische Durchgangsstation riefen Zehntausende am Freitagabend «Mappus weg». Die Polizei sprach von 50 000 Teilnehmern, nach Angaben der Projektgegner sollen es zeitweise 100 000 gewesen sein. Der Protestzug verlief nach Polizeiangaben friedlich. Das Aktionsbündnis gegen Stuttgart 21 kündigte weitere massive Demonstrationen an.

Am Samstagmorgen wurden die Baggerarbeiten fortgesetzt. Nach Polizeiangaben wurde am Fundament für die Grundwasserregulierung gearbeitet. Mehr als hundert Projektgegner hatten bis zum Morgen am Absperrzaun Wache gehalten. Einige campierten auf den matschigen Rasenflächen zwischen hunderten Grableuchten; andere harrten auf Bäumen aus.

Der Grünen-Vorsitzende Cem Özdemir entschuldigte sich bei Mappus für die Äußerung, der CDU-Politiker wolle Blut sehen. Er nehme dies vollständig zurück, sagte Özdemir in Berlin. Özdemir plädierte für einen Dialog, dem aber ein Baustopp vorausgehen müsse. Das lehnt Mappus strikt ab.

Trotz der massiven Proteste gibt es nach Ansicht von Bahnchef Rüdiger Grube kein Zurück bei Stuttgart 21. «Ich bin sicher, dass der Bahnhof kommt», sagte Grube der «Süddeutschen Zeitung». Das Projekt Stuttgart 21 sieht den Umbau des Kopfbahnhofs in eine unterirdische Durchgangsstation und deren Anbindung an die geplante ICE-Neubaustrecke nach Ulm vor. Die Bahn rechnet mit Gesamtkosten von sieben Milliarden Euro. Kritiker befürchten eine Kostensteigerung auf bis zu 18,7 Milliarden Euro.

Projektgegner

Bahn zum Bahnprojekt

Verkehr / Bahn / Stuttgart 21
02.10.2010 · 17:46 Uhr
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