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Schüler berichten über Missbrauch - Kirche forscht

Christine BergmannGroßansicht

Berlin (dpa) - An fast jeder zweiten Schule in Deutschland gibt es Kinder und Jugendliche, die über sexuellen Missbrauch meist im familiären Umfeld berichten. Das geht aus einer repräsentativen Befragung des Deutschen Jugendinstituts hervor, die am Mittwoch in Berlin vorgestellt wurde.

Danach wurden in 43 Prozent der befragten Schulen in den vergangenen drei Jahren entsprechende Vorwürfe bekannt. Die meisten richteten sich gegen das Elternhaus, aber auch gegen Mitschüler und andere Jugendliche.

In vier Prozent der Schulen und zehn Prozent der Heime wurden Lehrer, Betreuer oder andere Beschäftigte sexueller Übergriffe verdächtigt oder beschuldigt. Die Verdachtsmomente wurden in der Regel durch Andeutungen oder Berichte an die Lehrer herangetragen. Nicht unerheblich ist danach auch die sexuelle Gewalt unter Jugendlichen selbst. Opfer sind meist Mädchen. Institutsdirektor Thomas Rauschenbach forderte bei der Präsentation der Studie von Schulen, Internaten und Heimen eine andere «Kultur des Umgangs mit diesem Missbrauch».

Sexuelle Gewalt sei kein Thema der 70er- und 80er Jahre - sondern nach wie vor aktuell, sagte Rauschenbach. Pädagogen in diesen Einrichtungen müssten mehr Sensibilität entwickeln, bei Andeutungen oder auffälligem Verhalten aktiv auf die Kinder und Jugendlichen zuzugehen.

Die Studie wurde bei einer Fachtagung des Runden Tisches der Bundesregierung zur Aufarbeitung des sexuellen Kindesmissbrauchs in Schulen und Heimen vorgestellt. Die Regierungsbeauftragte Christine Bergmann bezeichnete dabei die hohe Anzahl von Verdachtsfällen in Heimen als besonders erschreckend. Darunter waren auch mehrere kirchliche Einrichtungen.

Etwa drei Viertel der befragten Heime mussten sich in den vergangenen drei Jahren mit mindestens einem Missbrauchsverdacht auseinandersetzen. Bei fast jedem zweiten Fall (49 Prozent) ging es um sexuelle Gewalt außerhalb der Institution - meist in den Familien der in den Heimen untergebrachten Kinder. Häufig waren die Kinder und Jugendlichen gerade deshalb von ihren Familien getrennt worden und ins Heim gekommen.

Nicht immer ließen sich die Vorwürfe oder Verdächtigungen erhärten, erläuterten die Autoren. In den Heimen erweist sich laut Studie etwa ein Viertel der Vorgänge anschließend als «klar haltlos». In jedem zweiten Fall werde allerdings die Polizei oder das Jugendamt eingeschaltet. Ein Drittel der Vorgänge führe in der Regel auch zu rechtlichen Konsequenzen.

Nach Angaben des Instituts ist die Studie in Deutschland die erste dieser Art. Dafür wurden über 1100 repräsentativ ausgesuchte Schulen befragt, außerdem 700 Vertrauenslehrer, 324 Heimleitungen und 97 Internatsleitungen. Als einziges Bundesland hatte sich Bayern aus Datenschutzgründen nicht an der Untersuchung beteiligt.

Auch die katholische Kirche will den Missbrauch Minderjähriger in ihren Einrichtungen seit 1945 wissenschaftlich aufarbeiten lassen. Erstmals öffnet sie für unabhängige Fachleuten die Archive. Die Bischöfe wollten eine «ehrliche Aufklärung» und «der Wahrheit auf die Spur kommen», versicherte der Trierer Bischof und Missbrauchsbeauftragte Stephan Ackermann am Mittwoch bei der Vorstellung des Projekts in Bonn. Erste Ergebnisse sollen in gut einem Jahr vorliegen.

Die katholische Kirche will die Fälle parallel zu den bereits angelaufenen Entschädigungen für Missbrauchsopfer, die sich in den Bistümern melden, aufarbeiten lassen. Die Zahl solcher Meldungen sei inzwischen «deutlich zurückgegangen», sagte Ackermann. Konkrete Angaben dazu machte er nicht. Jedem Opfer will die katholische Kirche bis zu 5000 Euro Entschädigung zahlen, in Einzelfällen auch mehr.

Mit der Auswertung der Kirchen-Daten wurde das Kriminologische Forschungsinstitut Niedersachsen (KFN) unter Leitung von Christian Pfeiffer beauftragt. In neun ausgewählten Bistümern sollen dazu alle relevanten Unterlagen von 1945 bis 2010 herangezogen werden, in den anderen 18 Bistümern die Akten von 2000 bis 2010. Auch Täter und Opfer sollen befragt werden.

Die zweite Studie wird vom Direktor des Instituts für Forensische Psychiatrie der Universität Essen-Duisburg, Norbert Leygraf, geleitet. Dabei soll eine umfassende Gutachteranalyse von Täterpersönlichkeiten und bekanntgewordenen sexuellen Übergriffen durch katholische Geistliche von 2000 bis 2010 neue Aufschlüsse bringen. Dazu lägen den Bistümern und Orden bereits 75 solcher forensisch-psychiatrischer Gutachten vor.

Kriminalität / Kirchen
13.07.2011 · 18:44 Uhr
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