News
 

Schock und Trauer: Amerika rätselt über Blutbad

US-Militärpsychiater läuft AmokGroßansicht
Washington (dpa) - Trauer, Schock - und viele offene Fragen nach dem blutigen Amoklauf eines muslimischen Offiziers auf dem größten Militärstützpunkt in den USA. 13 Menschen tötete der 39 Jahre alte Militär-Psychiater in Fort Hood (Texas), 30 wurden verletzt.

Erst die Kugeln einer zivilen Polizistin konnten Major Nidal Malik Hasan stoppen, der nach Afghanistan entsandt werden sollte. Amerika rätselt fassungslos: War es Angst vor dem Einsatz, Hass aufs Militär, Lebensfrust oder doch religiöse Verblendung? Warum wurde Hasan zum Mörder an Soldaten, denen er eigentlich helfen sollte?

Einen Tag nach dem schlimmsten Blutbad auf einer amerikanischen Militärbasis wurde auf allen US-Stützpunkten weltweit mit einer Schweigeminute der Toten gedacht. «Es ist ein Tritt in die Magengrube», sagte am Freitag Heeres-Stabschef General George Casey. Die Streitkräfte wollten aus dem Vorfall lernen «und uns dem anpassen». Zunächst habe die Tat keinen Einfluss auf die Entsendung von Soldaten. «Das kann sich aber ändern», sagte Casey.

Hasan sollte als Mitglied einer Reserveeinheit, die Soldaten mit psychischen Störungen betreut, in Afghanistan stationiert werden, stellte Heeressprecherin Catherine Abbot klar. Zuvor hatte es aus unterschiedlichen Quellen geheißen, er solle in den Irak.

Nichts hatte auf das Blutbad hingedeutet, als der Mann aus Virginia am Donnerstag um die Mittagszeit aus zwei Pistolen plötzlich das Feuer eröffnet. Der Kugelhagel trifft Soldaten in einem Gebäude, in dem vor Auslandseinsätzen ihre Gesundheit überprüft wird. Menschen werfen sich auf den Boden, Panik bricht aus. Als nach wenigen Minuten alles vorbei ist, heulen Sirenen, Soldaten zerreißen ihre Uniformen, um den Stoff als Verbandsmaterial zu nutzen und die Opfer zu versorgen.

Maria Treviño, die in Fort Hood im ärztlichen Zentrum arbeitet, telefonierte gerade mit dem Lagezentrum des Stützpunktes, als die ersten Schüsse fielen. «Sie fingen an zu schreien: Lasst ihn nicht rein, lasst ihn nicht rein, die schießen auf uns», erzählte sie. «Ich betete, dass sie nicht verletzt werden. Es war schrecklich.» Der Täter wurde schließlich von einer Polizistin mit vier Schüssen niedergestreckt. Am Freitag lag er bewusstlos in einem Krankenhaus, die Ärzte bezeichneten seinen Zustand als stabil. Auch die Polizistin erlitt US-Medien zufolge Verletzungen.

Zeugen berichteten, Hasan habe «Allahu Akhbar» (Gott ist groß) gerufen, als er das Feuer eröffnete. Der Todesschütze gilt als strenggläubiger Muslim, der mindestens einmal am Tag betete. Eine Tante des 39-Jährigen, Noel Hasan, sagte der «Washington Post», er sei seit den Anschlägen vom 11. September 2001 wegen seines Glaubens immer wieder schikaniert worden. Aber nie habe er sich extremistisch geäußert, sagte der frühere Imam (Vorbeter) einer Moschee in Silver Spring (Maryland), die Hasan besuchte. Nie habe er Rachegefühle gezeigt.

Allerdings habe der Psychiater seit Jahren auch versucht, aus der Armee entlassen zu werden und sogar angeboten, der Armee die Kosten für seine medizinische Ausbildung zurückzuzahlen. Doch die Streitkräfte wollten ihn nicht ziehen lassen. «Einige können es ertragen, andere nicht», sagte Noel Hasan. «Er hat sich das alles angehört und er wollte raus aus dem Militär.» Zum möglichen Motiv der Bluttat sagte sie: «Er muss einfach durchgedreht sein.»

Erst nach und nach kamen Details aus dem Leben Nidal Malik Hasan ans Licht. Laut «Washington Post» wurde er in Arlington bei Washington geboren. Andere Medien sprechen von Jordanien beziehungsweise Ost-Jerusalem. Seine Ausbildung habe er mit Hilfe der Armee erhalten, dann habe Hasan sechs Jahre als Militär-Psychiater im angesehenen Walter-Reed-Armee-Hospital in Virginia vor den Toren der US-Hauptstadt verbracht, wo er Kriegsheimkehrer behandelte, die nach dem Einsatz an post-traumatischem Schock litten.

Der unverheiratete Hasan war nach Medienberichten erst seit Juli in Fort Hood stationiert und soll schon seit langem eine Entsendung in ein Krisengebiet gefürchtet haben. Auch habe er die Einsätze im Irak und in Afghanistan vor anderen kritisiert. «Er sagte, wir sollten dort nicht sein», sagte ein Kollege dem US-Sender FoxNews. Ein langjähriger Mitarbeiter sagte der «Washington Post», er habe als Einzelgänger mit «ungewöhnlichem» Auftreten gegolten. Viele Kollegen hätten deshalb vermieden, ihm Patienten zu schicken.

Hasan war nach Aussagen von Verwandten und Bekannten ein Einzelgänger, hatte auch keine Freundin. «Er hat nie schnell Freundschaften geschlossen», berichtet seine Tante. In der Moschee in Silver Spring habe er nach einer Partnerin Ausschau gehalten, sagte der frühere Imam Faizul Kahn. «Er hatte aber zu viele Bedingungen. Er wollte eine Frau, die sehr religiös ist und fünfmal am Tag betet.»

Laut «New York Times» untersucht die Bundespolizei FBI Blogeinträge im Internet, die möglicherweise von dem Täter stammen. Darin debattiert ein Mann, der sich Nidal Hasan nennt, über Selbstmordanschläge und findet dafür positive Argumente. So vergleicht er das Heldentum eines Soldaten, der sich auf eine Granate wirft, um Kameraden zu schützen, mit einem Selbstmordattentäter, der sich für seine muslimischen Glaubensbrüder opfert.

Präsident Barack Obama sprach von einem «entsetzlichen Ausbruch der Gewalt» und rief zum Gebet für die Opfer und Angehörigen auf. Er stehe in Kontakt zum Heimatschutzministerium, zum Pentagon und zum FBI, um die Sicherheit der US-Truppen in ihrem eigenen Land zu gewährleisten, sagte Obama. «Es ist schwierig genug, wenn wir diese mutigen Amerikaner in Kämpfen in Übersee verlieren. Es ist schrecklich, dass sie hier auf einer Basis in den Vereinigten Staaten unter Beschuss kommen.» Pentagonchef Robert Gates sagte: «Es gibt wenig, das wir zu diesem Zeitpunkt sagen können, um den Schmerz zu lindern oder die vielen Fragen zu beantworten, die der Vorfall aufwirft.»

Militär / Kriminalität / USA
06.11.2009 · 21:33 Uhr
[8 Kommentare]

Die aktuellen Schlagzeilen

 
 

 

Weitere Themen