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Schmidt droht betrügerischen Ärzten

Korruption gehört auch im Gesundheitswesen zum Alltagsgeschäft. (Symbolbild)Großansicht
Berlin (dpa) - Angesichts von Ermittlungen gegen hunderte Ärzte hat Bundesgesundheitsministerin Ulla Schmidt (SPD) zu einem schärferen Kampf gegen Korruption im Gesundheitswesen aufgerufen.

Trotz Risiken für die Patienten sind Geld und Geschenke der Pharmaindustrie für Mediziner nach Expertenansicht weit verbreitet. Die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) appellierte an die Ärzte, ihre freie Entscheidung über Therapien nicht zu gefährden.

«Die allermeisten Ärztinnen und Ärzte arbeiten ordentlich», sagte Schmidt der «Bild»-Zeitung vom Mittwoch. «Jeder Arzt, der sich anders verhält, muss wissen, dass er das Vertrauen in die gesamte Ärzteschaft erschüttern wird.» Wegen des Verdachts auf Untreue und Betrug ermittelt die Staatsanwaltschaft Aachen gegen 480 Ärzte aus ganz Deutschland. Sie sollen für Medikamenten-Studien vom Pharmaunternehmen Trommsdorff aus Alsdorf bei Aachen Flachbildschirme, Laptops oder Kaffee-Automaten bekommen haben. Die Zahl der Verfahren kann sich laut Ermittlungsbehörde noch erhöhen.

Der Bremer Experte Gerd Glaeske kritisierte die Studien in Arztpraxen an Patienten im Auftrag der Hersteller. «Ärzte werden gebeten, Dokumentationen über den Einsatz neuer Mittel bei 10 bis 20 Patienten zu erstellen», sagte der Regierungsberater der Deutschen Presse-Agentur dpa in Berlin. Bei besonders teuren, neuen Mitteln etwa aus dem Genlabor betrügen Honorare für «gekaufte Verordnungen» 1000 bis 1500 Euro, sonst seien es einige hundert Euro. Der wissenschaftliche Nutzen dieser Studien sei gering.

«Ärzte nehmen Geschenke an, so dass sie letztlich verstärkt Medikamente unwirtschaftlich verordnen oder Mittel verschreiben, die nicht notwendig sind», kritisierte Glaeske. Schmidt sagte: «Wir haben das Gesetz verschärft, damit schwarze Schafe ans Licht kommen.» Sie erwarte von der Selbstverwaltung von Ärzten und Kassen, dass die Korruptionsbeauftragten alles tun und noch genauer prüfen. An die Adresse der Pharmaindustrie sagte Schmidt: «Sie hat sich einer freiwilligen Selbstkontrolle unterworfen und hat es in der Hand, hier stärker durchzugreifen.» Glaeske wandte ein: «Die Selbstkontrolle der Pharmaindustrie funktioniert an der Stelle nicht ausreichend.»

Laut dem Chef-Rechnungsprüfer der AOK Plus von Sachsen und Thüringen, Olaf Schrodi, kommt Korruption im Gesundheitswesen in vielen Formen vor. Leistungen würden abgerechnet, die «überhaupt nicht oder nicht in der Form erbracht worden sind», sagte er im MDR. Einzelne schwarze Schafe gebe es bei Ärzten, Apothekern, Heil- und Hilfsmittelerbringern, Hebammen und in Krankenhäusern.

Glaeske kritisierte, viele Informationen für Ärzte über bestimmte Arzneimittel seien mit Marketing angereichert. «Es gibt rund 16 000 Pharmareferenten in Deutschland.» Die Angestellten der Arzneimittelhersteller absolvierten Millionen Praxisbesuche im Jahr. «Es wird alles versucht, Medikamente den Ärzten in die Feder zu drücken», also in den Verschreibungsblock. «Ich bin entsetzt, dass Ärzte auf diese Art der Einflussnahme eingehen», sagte Glaeske. Für Beitragszahler und Patienten brächten so angebahnte Umstellungen auf neue Wirkstoffe Risiken. «Bei diesen Mitteln gibt es oft noch zu wenig Erfahrungen mit der Verträglichkeit oder mit Nebenwirkungen.»

Die KBV mahnte die 137 500 niedergelassenen Mediziner, ihre Eigenständigkeit zu bewahren. «Die Therapiehoheit ist für den Arzt enorm wichtig», sagte KBV-Sprecher Roland Stahl der dpa. «Er sollte sie nicht dadurch in Gefahr bringen, dass er auf verlockende Angebote von Pharmaherstellern eingeht.» Die Arzneimittelhersteller verwahrten sich dagegen, die Verbindungen zwischen Industrie und Medizinern zu lockern. «Einzelne Missbrauchsfälle dürfen nicht sinnvolle Informationsformen in Misskredit bringen», sagte Dirk Bartram, Geschäftsführer des Verbands forschender Arzneimittelhersteller (vfa) für Rechtsfragen, der dpa.

Kriminalität / Gesundheit / Pharma
22.07.2009 · 15:10 Uhr
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