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Schlichtung zwischen Brezeln und Schwabenstreich

Der baden-württembergische Ministerpräsident Stefan Mappus (CDU, l) und Vermittler Heiner Geißler nach der Verkündung des Schlichterspruchs von Geißler. +Großansicht

Stuttgart (dpa) - Am Ende fotografiert Werner Wölfle die Pressetribüne. «So was erleben wir hier nie wieder», sagt der Grünen-Vertreter in der Schlichtung und lockert die angespannte Situation auf. Denn eigentlich blickt um halb fünf alles auf die Tür - und wartet.

Auf den Star der Schlichtung: Heiner Geißler, 80, Politfuchs. Doch der lässt auf sich warten. Selbst Ministerpräsident Stefan Mappus (CDU) und Bahnchef Rüdiger Grube müssen ausharren. Mappus isst eine Banane. 16.50 Uhr kommt dann Geißler und spricht sich für Stuttgart 21 aus. Dann aber doch wieder nicht. Denn die Bahn muss erst mal beweisen, dass der geplante Tiefbahnhof wirklich was kann.

So hektisch, wie in diesem Moment alle überlegen, was der ehemalige CDU-General mit seinem Spruch eigentlich gemeint hat, so ruhig war es in den Stunden zuvor im Stuttgarter Rathaus. Gezwungenermaßen. Denn, während Geißler mit einer irren Kondition hinter den Kulissen seinen Schlichterspruch mit beiden Seiten abklopft, heißt es für alle anderen: warten, warten, warten. Eine Stunde will sich Geißler nach den sogenannten Plädoyers Zeit nehmen, satte fünf werden es.

Nicht nur der Ratssaal ist so voll wie nie, auch beim «Public Viewing» drängen sich Hunderte vor einer riesigen Leinwand im Großen Saal. Wegen Überfüllung muss die Stadt irgendwann das Rathaus dicht machen. Gespannt werden die Plädoyers verfolgt. Ministerpräsident Stefan Mappus (CDU) warnt, Baden-Württemberg könnte von der Bahn links liegen gelassen werden. Sein Widersacher bei der kommenden Landtagswahl im März, Grünen-Landtagsfraktionschef Winfried Kretschmann, warnt vor einem Milliardengrab. Der Applaus an mancher Stelle zeigt: Die Gegner haben hier deutliches Übergewicht.

Viele tragen die grünen «Oben bleiben»-Anstecker, die seit Monaten aus dem Stadtbild nicht mehr wegzudenken sind. Auch in der Kantine ist kein Platz mehr. Kabel, Laptops, Kameras. Hier ist das Medienzentrum. Mittendrin steht ein Weihnachtsbaum, findet aber wenig Beachtung. Ebenso wenig wie die Weihnachtslieder, die den ganzen Tag über unermüdlich vom Marktplatz nach oben schallen. Es gibt Brezeln und Kaffee. Es duftet nach gebrannten Mandel und später nach Glühwein.

Noch hat Geißler seinen Spruch gar nicht beendet, geschweige denn jemand hat genau begriffen, was da alles dahinter steckt, da schallen schon Pfiffe nach oben. Mit Trillerpfeifen machen Gegner des Bahnprojekts ihren Unmut über den noch gar nicht zu Ende gesprochenen Schlichterspruch Luft. Das alles wird von Minute zu Minute lauter. Es folgen die üblichen «Oben bleiben»- und «Lügenpack»-Rufe, die in den vergangenen Monaten von Stuttgart in das Land gingen. Es ist ein Zeichen: Der Schlichterspruch ist kein Schlusspunkt.

«Ich kann das verstehen», sagt Tübingens grüner Oberbürgermeister Boris Palmer, der für die Gegner am Tisch saß. Es sei nun seine Aufgabe, das Gute am Schlichterspruch zu erklären. Um 19.00 Uhr hat sich der Wirbel im Stuttgarter Rathaus weitgehend gelegt. Und draußen erschallt pünktlich der sogenannte Schwabenstreich - eine Minuten Lärm der Projektgegner. Wie jeden Tag. Und die nächsten Demonstrationen sind auch schon angekündigt. Stuttgart findet keine Weihnachtsruhe.

Verkehr / Bahn / Stuttgart 21
30.11.2010 · 21:57 Uhr
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