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Schabowski: «Wir haben alles falsch gemacht»

Das frühere Politbüro-Mitglied Schabowski: «Wir haben alles falsch gemacht».Großansicht
Berlin (dpa) - Der frühere DDR-Spitzenfunktionär Günter Schabowski hat die Maueröffnung nach eigener Darstellung nicht im Alleingang und aus Versehen verkündet.

In der Sitzung des SED- Zentralkomitees am 9. November 1989 zum neuen DDR-Reisegesetz habe SED-Generalsekretär Egon Krenz ihn gebeten, darüber am Abend die internationale Presse zu informieren, sagte Schabowski der Deutschen Presse-Agentur dpa. Krenz sagte dagegen, Schabowski habe die Öffnung der DDR-Grenzen «aus Unkonzentriertheit im Alleingang» um Stunden zu früh verkündet. «Das trifft absolut nicht zu», so der heute 80-jährige Schabowski. Mit der Erlaubnis für DDR-Bürger, ins westlichen Ausland zu reisen, sollte die DDR gerettet werden.

Die beiden früheren Parteifreunde sind sich spinnefeind - Schabowski brach öffentlich mit seiner SED-Vergangenheit und bekannte sich zu Mitverantwortung und moralischer Schuld. «Wir haben alles falsch gemacht», sagte das frühere Mitglied des SED-Politbüros, dem höchsten DDR-Machtzirkel, der dpa. Er war wegen seiner Mitverantwortung für das menschenverachtende DDR-Grenzregime zu drei Jahren Haft verurteilt und später begnadigt worden.

Krenz hingegen findet, dass sich niemand für die DDR schämen müsse. Seine Verurteilung zu sechseinhalb Jahren Haft wegen seiner Mitverantwortung für die Mauer-Toten wies er wiederholt als «Siegerjustiz» zurück. Krenz nimmt für sich in Anspruch, dass die Maueröffnung ohne Blutvergießen verlief. Zu Schabowski und dem 9. November sagt er: «Er brachte uns an den Rand einer Katastrophe.»

Schon in einem früheren dpa-Gespräch hatte Schabowski gesagt, Krenz habe ihm ein Exemplar der Reise-Verordnung, die zuvor im Umlauf im obersten Parteizirkel bestätigt worden war, vor der Pressekonferenz gegeben. «Krenz wusste es entweder nicht oder hat es ignoriert, dass da quasi eine Sperrfrist vorhanden war», so Schabowski. Er habe das Papier dann verlesen, ohne zu wissen, dass es erst später in Kraft treten sollte. Alleingang oder nicht: Durch diese Panne und die Nachfrage eines Journalisten wurde Schabowski zum «Maueröffner».

Schabowskis gestammelte Verkündung der Maueröffnung «Das tritt nach meiner Kenntnis... ist das sofort... unverzüglich» kurz vor 19.00 Uhr am 9. November 1989 war die Weltsensation. Einige vermuteten zunächst einen Versprecher. Doch wenig später gab es kein Halten mehr, die Nachricht habe sich wie ein Lauffeuer verbreitet, sagte Schabowski. Tausende strömten zu den Grenzen. Es sei ein Verdienst der DDR-Grenzsoldaten gewesen, dass es nicht zur Eskalation kam.

Spekulationen, dass er die Maueröffnung auf die bestellte Frage des italienischen Journalisten Riccardo Ehrman verkündet habe, hatte Medienprofi Schabowski als «Quatsch» zurückgewiesen. Ehrman hingegen hatte in einem dpa-Gespräch gesagt, ein Freund aus der SED-Spitze, der frühere ADN-Generaldirektor Günter Pötschke, habe ihm den Tipp gegeben, nach der Reiseverordnung zu fragen.

Krenz sagte, er habe am 9. November erst gegen 21.00 Uhr von der Maueröffnung erfahren. Die Befehle zur Grenzöffnung seien für den 10. November vorbereitet gewesen, betonte der Ex-Funktionär, der nach dem Sturz Erich Honeckers auch Vorsitzender des Nationalen Verteidigungsrates der DDR war. Nach Erinnerungen von Mitarbeitern lag bei der staatlichen Nachrichtenagentur ADN eine vorbereitete Meldung zur Grenzöffnung für den 10. November, 04.00 Uhr.

Der gesundheitlich angeschlagene Schabowski ist derzeit wieder in einer brandenburgischen Reha-Klinik. Er hat mehrere Operationen hinter sich. Seine Frau Irina Schabowski sagte der dpa, ihr Mann werde voraussichtlich auch am 9. November in der Klinik sein.

Geschichte / Deutschland
09.11.2009 · 22:24 Uhr
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