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Sauerland-Prozess: Dilettanten oder Gotteskrieger?

Prozess gegen Sauerland-GruppeGroßansicht
Düsseldorf (dpa) - Nach gut zehn Monaten wird an diesem Donnerstag in Düsseldorf das Urteil im Prozess gegen die islamistische Sauerland-Gruppe gesprochen. Wegen umfassender Geständnisse bestehen an der Täterschaft der vier Angeklagten keine Zweifel mehr.

Gleichwohl wird das Geschehen von Anklägern und Verteidigern sehr unterschiedlich gewertet. Während die einen eiskalte Terroristen bei der Planung eines «in Deutschland einzigartigen Massenmordes» am Werk sehen, sprechen die anderen von einem «untauglichen Versuch» irregeleiteter junger Männer.

An 65 Verhandlungstagen hat das Gericht 17 Sachverständige gehört und mehr als 60 Zeugen vernommen. Obwohl der Prozess durch die 1200 Seiten starken Geständnisse um etwa ein Jahr abgekürzt wurde, wird er als eines der umfangreichsten Terrorverfahren in die Geschichte der Bundesrepublik eingehen. Es füllt inzwischen mehr als 600 Aktenordner.

Sind die Angeklagten «stramme Gotteskrieger», deren Reue und Geständnisse rein taktischer Natur sind? Oder sind es junge Männer, die sich - so ein Verteidiger - «schlichtweg vergaloppiert und von der Islamischen Dschihad Union (IJU) vor den Karren haben spannen lassen»? Mit einer Terrorwelle - schlimmer als die Anschläge in Madrid oder London - sollte Deutschland vor der Abstimmung über den Bundeswehreinsatz in Afghanistan überzogen werden.

Das Foto des langhaarigen Daniel Schneider, der bei seiner Festnahme trotzig-verwegen in die Kameras blickt, ging im Herbst 2007 um die Welt. Inzwischen hat er sich die fusselige Barttracht der Fundamentalisten wachsen lassen und trägt eine Gebetskappe.

Nach wie vor seien ihre Mandanten tief religiös, räumen die meisten Verteidiger ein, betonen aber sofort, dass sie sich vom Terrorismus abgekehrt hätten. Schneider (24), der jüngste der Gruppe, zeigte sich erleichtert über seine Festnahme. Reumütig trat auch der Deutschtürke Atilla Selek (25) auf, der die Zünder für die Bomben in der Türkei beschafft hatte. Dass von den 26 Zündern, die er organisiert hat, nur drei funktionstüchtig waren, wusste Selek aber wohl nicht.

Selbst der Anführer der Gruppe, Fritz Gelowicz (30), gelobte in seinem Schlusswort Abkehr vom Terror. Kurz zuvor war allerdings bekanntgeworden, dass seine Frau verhaftet worden war. Sie soll noch vor kurzem Geld für die terroristische IJU gesammelt haben.

Bei Adem Yilmaz liegt die Sache etwas anders. Er sei nicht besonders religiös und vollkommen unpolitisch, erklärte seine Verteidigerin. Stattdessen pflege der intellektuell «eher einfach» strukturierte Deutschtürke «pubertäre Vorstellungen von Kampfeshandlungen à la Rambo». Dennoch habe auch er echte Reue gezeigt.

Nach ihren Geständnissen dürfen die Angeklagten auf einen Strafrabatt hoffen - er ist sogar gesetzlich vorgeschrieben. Unklar ist allerdings, wie hoch er angesichts der von vorneherein erdrückenden Beweislage ausfällt. Die Bundesanwaltschaft hat Haftstrafen von 13 bis fünfeinhalb Jahren beantragt. Die Verteidiger fordern Strafen unter zehn Jahren.

Das Gericht unter Vorsitz von Ottmar Breidling muss nun entscheiden, ob es von Dilettantismus oder besonderem Fanatismus zeugt, dass die Männer im Sauerland unbeirrt ihre Bomben bastelten. Immerhin wussten sie da schon, dass die Polizei ihnen auf den Fersen war - bis die Spezialeinheit GSG 9 am 4. September 2007 dem Treiben ein Ende bereitete.

[Gericht]: Kapellweg 36, Düsseldorf

Prozesse / Terrorismus
04.03.2010 · 06:54 Uhr
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