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Russland trauert um Ex-Premier Tschernomyrdin

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Moskau (dpa) - Der frühere russische Ministerpräsident Viktor Tschernomyrdin ist am Mittwoch im Alter von 72 Jahren nach schwerer Krankheit in Moskau gestorben. Russland trauere um einen seiner größten Staatsmänner und echten Patrioten, sagte Regierungschef Wladimir Putin laut der Agentur Interfax.

Als Ministerpräsident in den für Russland schweren Jahren 1992 bis 1998 habe Tschernomyrdin das Land nach dem Ende der Sowjetunion vor dem Zerfall bewahrt. Er war der Gründer des Gasmonopolisten Gazprom. «Wir alle kannten, schätzten und liebten ihn sehr», sagte Putin. Der Tod des engen Vertrauten des früheren Präsidenten Boris Jelzin (1931-2007) löste weit über die Grenzen Russlands Betroffenheit aus.

Präsident Dmitri Medwedew ordnete ein Staatsbegräbnis für den 5. November auf dem Friedhof des Neujungfrauen-Klosters in Moskau an. Medien nannten eine schwere chronische Krankheit mit Nierenproblemen als Todesursache. Zudem habe er den kürzlichen Tod seiner Frau nur schwer verkraftet, hieß es. Tschernomyrdin wurde am 9. April 1938 im Gebiet Orenburg am Ural geboren und stammte aus einer Kosakenfamilie.

Putin gedachte Tschernomyrdins in Moskau. Hinter seinem Humor und seiner Leichtigkeit habe sich ein «tiefsinniger, kluger und rechtschaffener Mensch» verborgen. Als geflügeltes Wort gilt heute in Russland ein Satz, mit dem Tschernomyrdin 1993 die damalige Währungsreform im Land kritisierte: «Wir wollten das Beste, aber es kam wie immer.»

Tschernomyrdin hatte nach seinem Abschied als Botschafter in der ukrainischen Hauptstadt Kiew 2009 zuletzt als Medwedews Sonderbeauftragter für die wirtschaftliche Zusammenarbeit mit anderen Ex-Sowjetrepubliken gearbeitet. Als früherer sowjetischer Minister für die Gas- und Ölindustrie hatte er außerdem lange zu den einflussreichsten Politikern seines Landes gezählt. Zudem war er in dem von ihm 1989 gegründeten Staatskonzern Gazprom bis 1992 an führender Stelle tätig gewesen.

Dann berief ihn Jelzin zum Ministerpräsidenten. Niemand hielt sich länger auf diesem Posten als Tschernomyrdin, nämlich bis 1998. «In dieser Zeit gab es im Land kein Geld, versagten alle Systeme, die die Lebensfähigkeit eines Staates gewährleisten - in dieser Zeit war es unglaublich schwer, die russische Wirtschaft zu führen», sagte der russisch-orthodoxe Patriarch Kirill.

Auch Staatschefs anderer früherer Sowjetrepubliken sowie die liberale russische Opposition würdigten Tschernomyrdin als herausragenden Politiker. Ihm sei es mit zu verdanken, dass es in Russland in den 1990ern nicht zu einer blutigen Revolution gekommen sei, hieß es mit Blick auf die chaotischen Jahre nach dem Zerfall der Sowjetunion.

Mit der Entsendung Tschernomyrdins 2001 als Botschafter in der Ukraine wollte Russland den verlorenen Einfluss auf die Bruderrepublik zurückgewinnen. Moskaus Probleme mit der Ukraine lagen damals genau auf seinem alten Spezialgebiet, der Energiewirtschaft. Kiew war immer wieder Zahlungen für russische Gaslieferungen schuldig geblieben und deshalb politisch erpressbar gewesen. Tschernomyrdins Abschied als Botschafter im vergangenen Jahr hatten Beobachter auch mit seiner Krankheit in Verbindung gebracht.

Regierung / Russland
03.11.2010 · 15:18 Uhr
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