News
 

Rubel im freien Fall: Kreml nutzt die Finanzkrise

Moskau (dpa) - Der Rubel ist im freien Fall. Russen, die panisch Dollar oder Euro kaufen wollen, sehen sich an einigen Wechselstuben in Moskau mitunter vor leeren Kassen. Doch die russische Führung regiert auf die Ängste der Menschen gelassen - und nutzt die Gelegenheit.

Kämpferisch und professionell gehe die Europäische Union mit der Krise in der Eurozone um, lobt Kremlchef Wladimir Putin seine Gäste aus Brüssel in St. Petersburg. Beim ersten Russland-EU-Gipfel nach seiner Rückkehr ins Präsidentenamt zeigt sich der 59-Jährige am Montag betont sanftmütig. Er gibt auch nicht wie sonst gern Kontra, als die EU-Spitze in aller Deutlichkeit ihre Sorge über den Zustand der Menschenrechte in Russland äußert. Probleme wie der Konflikt in Syrien und die Finanzkrise in der Eurozone haben Vorrang.

Der Kremlchef erspart sich anders als sonst auch den Hinweis, der Westen möge sich um seine eigenen Probleme kümmern, vor allem die finanziellen. Der Grund liegt auf der Hand: Seit Tagen ist der Rubel im freien Fall und hat im Vergleich zum Dollar innerhalb eines Monats 15 Prozent an Wert verloren. Kostete ein Dollar am 5. Mai noch 29,60 Rubel, so sind es an diesem Dienstag schon 34,03 Rubel. Ähnlich stark war der Verlust gegenüber dem Euro.

Traditionell treiben solche Kursschwankungen die Russen zu panischen Käufen von Dollar und Euro an die Wechselstuben. Die aber müssen vielfach passen, wie Medien berichten. Die Erinnerungen an Hyperinflation und Wertverlust des Rubels besonders in den chaotischen 1990er Jahren sitzen bei vielen Russen tief.

Zentralbankchef Sergej Ignatjew versichert zwar, dass alles unter Kontrolle sei. Russlands Machthaber begründen die Abwertung des Rubels mit der Krise im Euroraum und den sinkenden Ölpreisen auf dem Weltmarkt. Auch Regierungschef Dmitri Medwedew zeigt sich angesichts der Rubelschwäche betont gelassen - dabei hatte er sich als Präsident zuletzt immer wieder für den Rubel als weltweite Ersatzwährung ausgesprochen. Doch davon spricht im Moment niemand in Moskau.

Die Rede ist vielmehr von einer «Entwertung der russischen Föderation», wie die Boulevardzeitung «Moskowski Komsomolez» am Montag ätzt. Der Moskauer Ökonom Wladislaw Inosemzew bezeichnet den aktuellen Trend als schlimm für die Menschen, aber «ideal und erfreulich» für die Elite. Sie könne vor dem Hintergrund der internationalen Turbulenzen den Rubel dem freien Fall aussetzen und auf diese Weise trotzdem ihren sozialen Versprechen nachkommen.

Auch aus Regierungskreisen verlautete zuletzt immer wieder, dass der schwache Rubel durchaus seine Vorteile habe. Putin hatte vor der Präsidentenwahl am 4. März Rentnern, Militärs und vielen anderen mehr Geld und soziale Wohltaten versprochen. Experten warnten vor unbezahlbaren Zusatzausgaben. Da aber die Energiegroßmacht ihr Öl und Gas gegen harte Dollar verkauft, bleiben die Haushaltseinnahmen trotz sinkender Ölpreise auf relativ hohem Niveau. Die staatlichen Ausgaben hingegen laufen in Rubel - und davon gibt es nun für jeden Dollar deutlich mehr als zuletzt.

Der Experte Inosemzew von der russischen Akademie der Wissenschaften erwartet, dass sich die Lage eher noch verschärfen wird für die «einfachen Menschen». Vor Putins Wahl seien die Verbraucherpreise für Gas und Benzin sowie für kommunale Dienstleistungen eingefroren worden - bis zum 1. Juli.

Insgesamt kommt erschwerend hinzu, wie Kommentatoren seit Monaten schreiben, dass der Kapitalabfluss aus dem Riesenreich andauere, weil Investoren keine zuverlässigen Anlageobjekte sehen. Die Produktion in Russland stagniere und das Wirtschaftswachstum sinke, schreibt die Zeitung «Wedomosti» am Montag. Seit langem schon fordern Ökonomen eine Neuausrichtung der russischen Wirtschaft, die fast ausschließlich von Rohstoffexporten lebt.

Doch Putin gab sich in St. Peterburg weiter demonstrativ optimistisch. Russland erwarte keine «ernsthaften Spannungen» und sei auf jede Entwicklung gefasst. Russlands Staatsbudget sei bei einem Ölpreis von 100 Dollar je Barrel ausgeglichen, sagt er. Und diese Prognose gilt weiter für dieses Jahr. Aus Regierungskreisen verlautete, dass erst ab einem Preissturz auf 60 Dollar je Barrel Russland von einem Krisen-Szenario spreche.

EU / International / Russland
04.06.2012 · 22:09 Uhr
[0 Kommentare]

Die aktuellen Schlagzeilen

 
 

 

News-Archiv

 
Diese Woche
29.05.2017(Heute)
Letzte Woche
Vorletzte Woche
Top News

Weitere Themen