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«Roller-Morde» in Frankreich als Terror eingestuft

Paris/Toulouse (dpa) - Die französische Justiz stuft die Mordserie im Großraum Toulouse als Terrorakte ein. Der Täter habe seine Opfer aus nächster Nähe mit Kopfschüssen getötet, sagte der zuständige Pariser Staatsanwalt François Molins weiter.

Das hätten die am Vortag durchgeführten Autopsien ergeben. Die Ermittler haben indessen auf der Jagd nach dem kaltblütigen Mörder eine neue Spur: Der Mann soll die Bluttat vor der jüdischen Schule in Toulouse mit einer speziellen Kamera gefilmt haben.

Frankreich steht nach dem Mord an drei Soldaten und einem Lehrer und drei Kindern der jüdischen Schule in Toulouse unter Schock. Mit einer Schweigeminute in den Schulen gedachte das Land der Opfer. In Südwestfrankreich gilt die höchste Terroralarmstufe. Mitten im Wahlkampf setzten Präsident Nicolas Sarkozy und seine wichtigsten Herausforderer ihre Kampagnen aus. Juden und Muslime planen am Sonntag einen gemeinsamen Schweigemarsch in Paris.

Nach Augenzeugenberichten hatte der Unbekannte bei seinen Schüssen vor der jüdischen Schule eine Minikamera vor der Brust, wie sie Extremsportler beim Surfen oder Fallschirmspringen benutzen. Innenminister Claude Guéant betonte, trotz intensiver Suche im Internet sei bisher kein entsprechendes Video aufgetaucht. Staatsanwalt Molins wollte die Kamera zunächst nicht bestätigen. «Er hatte in der Tat eine Art Band vor der Brust. Ich habe noch keine Gewissheit, was das ist.»

Molins äußerte mit Blick auf einen auffälligen Vier-Tage-Rhythmus zwischen den Anschlägen die Befürchtung, dass es weitere Bluttaten geben könnte. Video-Aufzeichnungen von tausenden Stunden müssten noch ausgewertet, alle Zeugenaussagen überprüft werden. Keine Spur werde ausgelassen. «Trotz allem, was geschrieben wurde, haben wir aber keinen Hinweis auf das Kennzeichen des Motorrollers», sagte Molins, der an diesem Mittwoch nach Toulouse reisen will. Dort fahnden 200 Beamte nach dem Täter.

Das Motiv und die Identität des Mörders seien weiter unklar, sagte Innenminister Guéant. «Wir wissen bis heute nicht, wer er ist, soweit sind wir noch nicht», sagte Guéant. Die Tatwaffe war bei allen Morden erwiesenermaßen dieselbe gewesen, betonte Staatsanwalt Molins.

Die getöteten Soldaten hatten Wurzeln in Nordafrika, einer war ein Schwarzer, einer war muslimischen Glaubens. Jedes Mal beschrieben Zeugen den Täter als einen schwarz gekleideten Mann, der auf einem Motorroller flüchtete. In Medien wurde spekuliert, neonazistische Militärs könnten hinter den Bluttaten stecken.

Der Vorsitzende des Verbands der Muslime Frankreichs, Mohammed Moussaoui, warnte im Anschluss an einen Empfang bei Sarkozy für die Vorsitzenden der jüdischen und muslimischen Glaubensgemeinschaften vor voreiligen Schlüssen. Tausende Militärs seien überprüft worden, aber bisher ohne Ergebnis, sagte Guéant. «Das ist eine Spur unter vielen, aber keine bevorzugte», fügte er hinzu. Der Täter hatte neben einer automatischen Waffe bei allen Anschlägen einen großkalibrigen Colt benutzt, der heute kaum noch verbreitet ist. Er war im Zweiten Weltkrieg eine Standardwaffe der US-Armee.

Sarkozy nahm in der Pariser Schule François Couperin gemeinsam mit Bildungsminister Luc Chatel an der von ihm angeordneten Schweigeminute teil. «Alle Schüler, wir alle, sind betroffen durch das, was passiert ist», sagte Sarkozy vor Schülern und Lehrern. «Diese Kinder sind wie ihr, die Opfer sind unschuldig.» Auch Sarkozys sozialistischer Herausforderer bei der Präsidentschaftswahl, François Hollande, nahm in einer Schule an einer Schweigeminute teil.

Der Präsident hatte am Vortag für die betroffene Region die höchste Alarmstufe eines Anti-Terror-Plans ausgelöst. Damit patrouillieren ab sofort Militärs und Polizisten an allen öffentlichen Plätzen, die kommunale Polizei wird bewaffnet. Alle jüdischen und muslimischen Einrichtungen werden besonders gesichert. Paris verstärkte die Sicherheitskräfte in Toulouse.

Auch die New Yorker Polizei intensivierte ihre Patrouillen vor jüdischen Einrichtungen. Für Synagogen, die UN-Mission Israels und andere Gebäude würden vorerst erhöhte Sicherheitsmaßnahmen gelten, sagte Polizeichef Ray Kelly dem Sender NY1. New York gilt als größte jüdische Stadt der Welt. Fast zwei Millionen New Yorker sollen Juden sein - mehr als Jerusalem und Tel Aviv zusammen Einwohner haben.

Die Opfer der jüdischen Schule in Toulouse wurden zur Beisetzung Richtung Israel geflogen. Nach einer bewegenden Trauerfeier am Tatort wurden sie mit einem Militärflugzeug nach Paris gebracht, wo ihnen Sarkozy die letzte Ehre erwies. Auf dem Weg nach Israel sollten sie am Abend von Außenminister Alain Juppé begleitet werden. Der Lehrer, der die israelische und die französische Staatsbürgerschaft hatte, und die drei Kinder sollen an diesem Mittwoch in Jerusalem beerdigt werden.

Nach scharfer Kritik aus Israel bestritt die EU-Außenbeauftragte Catherine Ashton, den Anschlag auf jüdische Schulkinder in Toulouse mit den israelischen Angriffen auf den Gazastreifen verglichen zu haben.

Terrorismus / Frankreich
20.03.2012 · 19:55 Uhr
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