News
 

Robert Enke litt an Depressionen - Tiefe Trauer

Trauer um Robert EnkeGroßansicht
Hannover (dpa) - Robert Enke hat vor seinem Selbstmord mehrere Jahre an schweren Depressionen gelitten. Doch die quälende Frage nach dem Warum blieb auch einen Tag nach dem Unglück von Eilvese unbeantwortet. Der Tod des Nationaltorwarts löste Fassungslosigkeit, Trauer und Bestürzung aus.

Der Deutsche Fußball-Bund (DFB) sagte als Reaktion auf die Tragödie das Länderspiel am 14. November gegen Chile ab. Über die Grenzen Deutschlands hinweg und über den Fußball hinaus war die Betroffenheit riesengroß. «Sein Tod ist ein immenser Verlust. Er wird uns fehlen, als erstklassiger Sportler und als außergewöhnlicher Mensch», sagte Bundestrainer Joachim Löw.

Bei einer bewegenden Trauerandacht am Abend in der überfüllten Hannoveraner Marktkirche nahmen im Beisein der Führungsspitze des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) mehrere tausend Menschen Abschied von Enke. DFB-Präsident Theo Zwanziger, Löw, seine Assistenten Hans-Dieter Flick und Andreas Köpke, DFB-Teammanager Oliver Bierhoff und Nationalmannschaftskapitän Michael Ballack erwiesen ihrem toten Freund und Kollegen die Ehre. Rund 800 Menschen drängten sich in dem Gotteshaus, um der Andacht der Landesbischöfin Margot Käßmann zu folgen. Vor der Kirche standen mehr als 3000 Menschen.

Nach der Andacht fanden sich etwa 35 000 Menschen zum Trauermarsch zur AWD-Arena zusammen. An der Spitze trugen unter anderem 96-Manager Jörg Schmadtke und Trainer Andreas Bergmann ein schwarzes Banner mit dem Konterfei von Enke und der Aufschrift «Ruhe in Frieden». An der AWD-Arena lagen 18 Kondolenzbücher aus.

Stunden zuvor hatten die Witwe Teresa Enke und der behandelnde Arzt Valentin Markser in einer emotionalen Pressekonferenz über die Seelenkrankheit des 32-Jährigen berichtet. Schon seit 2003 litt der Profi von Hannover 96 unter Depressionen und Versagensängsten. Dazu kam der Schicksalsschlag 2006, als die herzkranke Tochter Lara im Alter von zwei Jahren starb. «Wir dachten, wir schaffen alles. Wir dachten halt auch, mit Liebe geht das. Aber man schafft es doch nicht immer», sagte Teresa Enke mit stockender Stimme und Tränen in den Augen. Aus Angst um seine Karriere, aber auch aus Angst um das Sorgerecht für die im Mai adoptierte Tochter Leila, wollte ihr Mann seine Leiden der Öffentlichkeit verheimlichen.

Dass er sich umbringen würde, ahnten aber auch seine Frau, der Arzt und das nähere Umfeld nicht. In seinem Abschiedsbrief habe sich Enke entschuldigt, «für die bewusste Täuschung über seinen seelischen Zustand der letzten Tage, der notwendig war, um seinen Selbstmordplan verwirklichen zu können», erklärte Markser. Noch am Sonntag hatte Enke im Punktspiel seines Vereins gegen den HSV im Tor gestanden.

Der Schock saß auch bei der Nationalmannschaft in ihrem Quartier tief. Bei der Pressekonferenz in Bonn, bei der die Absage für das Länderspiel gegen Chile verkündet wurde, brach Bierhoff in Tränen aus, DFB-Boss Zwanziger rang nach Worten. Die Absage sei «alternativlos» gewesen, so Zwanziger. Löw reagierte ebenso entsetzt auf die schreckliche Nachricht: «Es fällt mir schwer, die Gefühle zu beschreiben. Ich bin völlig schockiert, völlig leer. Mein ganzes Mitgefühl gilt seiner Frau und seiner Familie. Robert war nicht nur ein herausragender Spieler, sondern auch ein toller Mensch.»

Die Nationalspieler um Kapitän Ballack, die die Absage befürworteten, reisten noch am gleichen Tag aus Bonn ab. Sie werden am Sonntag an einer Trauerfeier für ihren toten Kollegen teilnehmen und sich in den darauffolgenden Tagen auf die Partie am kommenden Mittwoch in Gelsenkirchen gegen die Elfenbeinküste vorbereiten.

Erstmals habe sich Enke vor sechs Jahren in seiner Zeit beim FC Barcelona und seinem kurzen Auftritt bei Fenerbahce Istanbul in Behandlungen begeben, sagte Markser. Bis kurz vor seinem Tod habe der Bundesliga-Profi unter medizinischer Betreuung gestanden. Eine stationäre Behandlungen hatte der achtfache Nationalspieler noch am Tag seines Selbstmordes abgelehnt, berichtete der Mediziner.

Nach Sebastian Deisler, der 2003 seine Erkrankung öffentlich gemacht und seine Karriere nach mehreren Comeback-Versuchen 2007 beendet hatte, wird mit dem tragischen «Fall Enke» zum zweiten Mal die Depression eines deutschen Nationalspielers publik.

Zuletzt hatte Enke neun Wochen lang pausiert. Als Begründung war eine bakterielle Darminfektion genannt worden. Markser sagte, dass er Enke in dieser Zeit psychotherapeutisch behandelt habe. Der Torwart der DFB-Auswahl war an einem Bahnübergang in Neustadt am Rübenberge, in der Nähe seines Wohnorts, gegen 18.25 Uhr von einem Zug erfasst und tödlich verletzt worden.

Den Spielern von Hannover 96 wurde freigestellt, ob sie trainieren wollen. Erst am 16. November soll der reguläre Trainingsbetrieb wieder aufgenommen werden. Der Verein erwägt, künftig einen Psychologen in seinen Betreuerstab aufzunehmen. Das Trikot mit Enkes Nummer «1» wird eventuell nie mehr vergeben. In Gedenken an ihren Kollegen werden die Mannschaften der Ersten und Zweiten Liga am 13. Spieltag mit Trauerflor auflaufen. Zudem gab die Deutsche Fußball Liga bekannt, dass es vor den 18 Partien am übernächsten Wochenende eine Gedenkminute für den Profi geben wird.

Bundeskanzlerin Angela Merkel reagierte bestürzt. Die Kanzlerin habe ihr Mitgefühl in einem persönlichen Brief an die Witwe ausgedrückt, sagte Vize-Regierungssprecher Christoph Steegmans in Berlin. Zum Inhalt wollte er keine Angaben machen: «Das gebietet der Anstand, dass ein sehr persönlicher Brief auch persönlich bleibt.» Auch der Präsident des Weltfußball-Verbandes FIFA, Joseph S. Blatter, zeigte sich betroffen. Enkes früherer Verein FC Barcelona widmete seinen Sieg im spanischen Fußballpokal seinem ehemaligen Spieler.

Löw und die Nationalspieler hatten am 10. November nach dem ersten Training vom Tod ihres Kollegen erfahren. Das Vormittagstraining am Mittwoch und Interview-Termine der Spieler wurden abgesagt. Dann erfolgte nach einer Beratung von Zwanziger mit dem Mannschaftsrat um Ballack, Bierhoff und DFB-Generalsekretär Wolfgang Niersbach die Absage für das Chile-Spiel. «Niemand fühlt sich in der Lage, in dieser Situation einfach zur Tagesordnung überzugehen», sagte Löw, «wir haben einen Freund verloren. Das ist ein Moment, bei dem man auch im Fußball innehalten muss.»

Fußball
11.11.2009 · 23:42 Uhr
[0 Kommentare]

Die aktuellen Schlagzeilen

 
 

 

News-Archiv

 
Diese Woche
30.03.2017(Heute)
29.03.2017(Gestern)
28.03.2017(Di)
27.03.2017(Mo)
Letzte Woche
Vorletzte Woche
Top News

Weitere Themen