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Risiko und Profit - Wie Lügen in die Katastrophe führen

Am kommenden Sonntag ist wieder einer dieser Tage, an denen wir zurückschauen. Es jährt sich die japanische Multi-Katastrophe, Erdbeben, Tsunami, Atom-Gau. Doch das Erinnern am 11. März ist ein anderes als das am 26. April. Tschernobyl riss alle Fortschrittsjünger, die es bis dahin nicht wahrhaben wollten, aus dem Glauben, Kernspaltung sei kontrollierbar. Seitdem weiß die ganze Welt, welches Risiko wir eingehen, wenn wir unseren Energiebedarf durch so eine fragile Technologie wie Atomkraft sichern.

Am 11. März 2011 war uns also sofort klar, was Japan und der Welt aus der schwelenden Zeitbombe Fukushima drohen kann. Da konnten Tepco und die japanische Regierung noch so sehr auf Sowjetunion machen und die Gefahr kleinzureden versuchen. Wer sich ein bisschen mit Japan auskennt, ahnte schon vor dem 11. März, dass in dem regelmäßig von Erdbeben geschüttelten Land Atomkraftwerke noch bedeutend riskanter sind als in Krümmel oder Brokdorf.

Klaus Heilmann sitzt häufiger mal in TV-Talkrunden. Er ist live dabei, wenn dichte Netze aus Gründen, Motiven, Anschuldigungen und Rechtfertigungen gesponnen werden. Und er sagt jetzt: alles Lüge. Weil er es häufig so empfand, hat der Mediziner nun kurz vor dem Fukushima-Jahrestag ein Buch herausgebracht, das er Die Risikolüge nennt. Genauso habe er es auch gesagt, schreibt Heilmann im Vorwort. «Wir lügen hier doch alle!», habe er in einer dieser Redeshows ausgerufen, als es ihm zu bunt wurde.

In seinem Buch beschreibt Klaus Heilmann neun der großen Katastrophen der letzten Jahrzehnte und warum sie hätten vermieden werden müssen. Mehr erfahren Sie in unserer Fotogalerie.

Von Seveso über Tschernobyl und den Golf von Mexiko bis Fukushima - bei fast allen Katastrophen, die nicht von der Natur ganz allein verübt werden, finden sich im Nachhinein gefährliche Risiken, die eingegangen wurden. Heilmann zählt sie in seinem Buch auf. Der schnell dahin gesagte Satz «No Risk, no Fun» ist nicht nur für Extremsportler Leitmotiv, sondern auch für Konzerne und viele Politiker. Man kann «Fun» hier durch «Profit» ersetzen, doch letztlich bedeutet es dasselbe. Denn sensible Technologien wie Kernkraft oder Gentechnik befinden sich nun mal in den Händen auf Profit ausgerichteter Unternehmen.

«Warum sollte etwas schiefgehen, wenn es bisher immer gut gegangen ist?», zitiert Heilmann das Motto der Raumfahrtagentur Nasa vor dem Challenger-Unglück. Das Raumfahrtprogramm der Nasa ist für den Risikoforscher ein Paradebeispiel dafür, wie teure Prestigeprojekte auf Kosten der Sicherheit realisiert werden. So hieß es aus dem Nasa-Management, das Absturzrisiko liege bei einem von 100.000 Flügen. Konstrukteure hingegen sprachen von einem Risiko von 1 zu 100 oder 200. Aber das Management hatte auch Interesse an staatlichen Fördergeldern.

Wie schwer Risiken zu fassen sind, erklärt Klaus Heilmann am Beispiel der Atomkraft. Nach Tschernobyl wurde die Ines-Skala eingeführt. Sie definiert die Schwere eines Unglücks in sieben Stufen, wobei sieben das Ausmaß von Tschernobyl bedeutet. Sein Problem damit: Anders als bei der Richter-Skala von Erdbeben basiert Ines nicht auf objektiven Messwerten, sondern auf der Einschätzung des Betreibers oder der Behörden. Eine Farce, wie sich in Fukushima zeigte. Die japanische Atomaufsicht gab zunächst Stufe 4, dann Stufe 5 an, Greenpeace rechnete von vornherein mit einer massiven Kernschmelze und damit Stufe 7, amerikanische Experten stuften den Störfall als 6 ein.

Absurd: Risiko von Kernkraft mit Verkehrsopfern vergleichen

Heilmann selbst hat schon 1983 mit dem Wissenschaftler John Urquhart eine Skala entwickelt, die auf Basis statistischer Daten das Risiko eines Unfalls angibt - und die fröhlich genutzt wird, um das Risiko für einen Atom-GAU mit einem Meteoriteneinschlag oder dem Straßenverkehr zu vergleichen. So sagte Franz-Josef Strauß den Gegnern der Wiederaufbereitungslage Wackersdorf, diese sei sicherer als eine Fahrradspeichenfabrik. Und die Physikerin und jetzige Kanzlerin Angela Merkel stellte zur Gefahr der Atomkraft fest, dass auch beim Kuchenbacken mal ein Mehlstäubchen abfalle.

Auch der Umgang mit Grenzwerten zeigt, wie schwierig es ist, Risiko zu definieren. Sie unterscheiden sich von Land zu Land, und nach Fukushima hob die EU ihre Grenzwerte für Radioaktivität japanischer Produkte an. Ist nach einer Reaktorkatastrophe plötzlich mehr Strahlung gesund?

Das Risiko einer Reaktorschmelze in Deutschland wurde 1979 auf einmal in 10.000 Jahren berechnet, das Risiko, bei einem Flugzeugabsturz zu sterben, liegt bei eins zu drei Millionen. Doch dass dies so sein mag, bedeutet ja nicht, dass nicht alles Menschenmögliche getan werden müsste, um der Katastrophe vorzubeugen. Allerdings ist die Frage, was menschenmöglich ist, in der Praxis offensichtlich sehr dehnbar.

Was ist eigentlich das Restrisiko?

Nach Fukushima war das Wort «Restrisiko» in aller Munde - laut Definition das Risiko, das bleibt, wenn alle möglichen Vorkehrungen getroffen sind. Doch wie Heilmann darlegt, hatte Fukushima mit Restrisiko wenig zu tun. Dass die Erde dort bebt, ist ebenso bekannt wie sich statistisch ermitteln lässt, dass Japan alle 36 Jahre eine über zehn Meter hohe Flutwelle zu erwarten hat. Offenbar war das Tepco-Werk jedoch weder gegen Tsunamis noch gegen ein starkes Erdbeben gerüstet. Das ist womöglich auch gar nicht drin. Sicherheit für Kernenergie in Japan kann es nicht geben - das Risiko ist naturgegeben sehr hoch.

Aber weil auch in erdbebensicheren Regionen immer ein Restrisiko bleibt, durch menschliches Versagen oder kriminelle Energie zum Beispiel, ist Klaus Heilmanns Empfehlung simpel: Wir sollten uns von Technologien verabschieden, die die Apokalypse in sich tragen.

Und wie reagieren die Verantwortlichen? Immer nach demselben Schema: schweigen - vertuschen - beschönigen. Angeblich sind große Unternehmen auf Zwischenfälle vorbereitet. Doch wenn es soweit ist, weiß oft niemand, was er zu tun hat. Und wenn es dann um die Ursache geht, taucht schnell der Ausdruck «menschliches Versagen» auf - die Schuld wird kleinen Mitarbeitern in die Schuhe geschoben, die ohnehin tot sind.

[news.de] · 04.03.2012 · 10:00 Uhr
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