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Reportage: Guttenbergs gefährlichste Dienstreise

Karl-Theodor zu GuttenbergGroßansicht

Baghlan (dpa) - Es ist Mittag, als der Bundeswehrhubschrauber vom Typ CH-53 in einer riesigen Sandwolke auf einer Anhöhe inmitten der nordafghanischen Unruheprovinz Baghlan landet.

Wenige Meter weiter stehen ein paar Zelte und rund ein Dutzend gepanzerte Fahrzeuge hinter einem provisorischen Schutzwall. Darauf haben sich Soldaten mit Maschinenpistolen postiert. Unten im Tal liegen weite, grüne Felder. Hier oben ist es staubig und heiß - und zwar extrem staubig und extrem heiß.

Als sich die Sandwolke ein wenig verzogen hat, steigt Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU) aus dem Hubschrauber. Die schwarze Splitterschutzweste trägt er vorschriftsgemäß, den Stahlhelm lässt er locker in der Hand baumeln. Der Minister ist dort angekommen, wo er schon lange hin will: Als erster Spitzenpolitiker wagt er sich ins Kampfgebiet der deutschen Truppen, sozusagen an die Front, in einem Krieg, in dem es die klassischen Frontverläufe nicht mehr gibt.

«Es ist ganz wichtig, dass man die Realitäten nicht nur vom Schreibtisch aus beurteilt», sagt er. «Ich glaube, dass es sich gehört, dass sich der Minister bei seinen Soldaten auch mal blicken lässt, die hier über Wochen unter widrigsten Bedingungen ihren Dienst leisten.» Eine unmittelbare Gefährdung spürt er nicht, als er sich auf der Anhöhe über den Einsatz informieren lässt. Er sei sich zwar der unsicheren Lage durchaus bewusst. «Auf der anderen Seite fühle ich mich bei meinen Soldaten immer gut aufgehoben.»

Auf dem «Operation Point North» (Außenposten Nord) 70 Kilometer westlich von Kundus sind in mehreren kleinen Lagern rund 200 Soldaten der «schnellen Eingreiftruppe» QRF («Quick Reaction Force») stationiert. In den 80er Jahren hatten schon die Russen hier eine Stellung. Seit April ist die Bundeswehr dort. Bis vor wenigen Wochen galt die Gegend als ein sogenannter Hotspot im Kampf mit den Taliban.

«Die Baumreihe da hinten war Kopfschusszone», erklärt Generalmajor Hans-Werner Fritz. Der Regionalkommandeur der internationalen Schutztruppe ISAF deutet dabei auf eine Stelle nur wenige hundert Meter vom Außenposten entfernt. Ein Stück weiter steht ein Funkmast, der einmal ein Sammelpunkt der Taliban war. Von dort aus schossen sie mit Raketen auf die Bundeswehrtruppen. Und an dem Highway, der am Lager vorbeiführt, versteckten die Aufständischen regelmäßig ihre Sprengfallen. 15 Kilometer vom «OP North» entfernt wurden im April vier deutsche Soldaten bei einem Angriff der Taliban getötet

Inzwischen ist es ruhiger geworden in Baghlan. Der islamische Fastenmonat Ramadan dürfte dazu beigetragen haben, aber vor allem die Operation «Taohid», die die Bundeswehr zusammen mit der afghanischen Armee durchführt. «Momentan haben sie offenbar kapiert, dass es hier nichts zu holen gibt», sagt QRF-Kommandeur, Oberstleutnant Jared Sembritzki. Trotzdem ist es alles andere als ungefährlich. Die QRF - zum größten Teil Gebirgsjäger aus Bad Reichenhall - war in den vergangenen vier Monaten in zwölf Gefechte verwickelt. Als Guttenberg bei seinem vorangegangen Besuch einen ersten Versuch startete, nach Baghlan zu gelangen, musste er auf halbem Weg umkehren. Ein Angriff auf ein liegengebliebenes Fahrzeug machte ihm einen Strich durch die Rechnung. «Sicherheit geht vor, auch für die Männer vor Ort», sagte der Minister und wartete auf die nächste Gelegenheit.

Die bot sich für ihn schneller als vermutet. Seiner Familie hat er von seinen Ausflugsplänen vorher erzählt, in Ministerium und Bundeswehr wurde darauf geachtet, so wenig Leute wie möglich einzuweihen. Für den Abstecher ließ Guttenberg zwei wichtige Termine in Kabul aus.

Bundestagspräsident Norbert Lammert, mit dem der CSU- Politiker zusammen nach Nordafghanistan geflogen war, reiste am Sonntag in die afghanische Hauptstadt weiter, um Präsident Karsai und ISAF- Kommandeur David Petraeus zu treffen. Dem Verteidigungsminister war der Besuch bei den Soldaten wichtiger. Zu Beginn seiner Amtszeit hatte er sich vorgenommen, im Durchschnitt alle zwei Monate nach Afghanistan zu reisen - so häufig wie kein Minister vor ihm.

Bis jetzt hat er das geschafft. In zehn Monaten war er fünf Mal am Hindukusch. Bei seinem «Antrittsbesuch» im vergangenen November ließ er sich noch mit Anzug und Krawatte neben den Soldaten in Kampfmontur im Truppentransporter Transall ablichten. Inzwischen gehört ein hellbraunes Bundeswehr-T-Shirt mit Deutschland-Flagge auf beiden Ärmeln zu seinem Standard-Outfit auf den Afghanistan-Reisen. Guttenberg ist in seinen Job als Bundeswehr-Chef hineingewachsen. Die Soldaten mögen ihn und umlagern ihn bei seinen Besuchen im Einsatzgebiet auch schon mal wie einen Popstar.

Für den Verteidigungsminister war der Besuch in Afghanistan zum jetzigen Zeitpunkt aus mehreren Gründen wichtig. Das Interesse an dem Einsatz hat seiner Meinung nach über die Sommermonate wieder abgenommen. Da ist es seiner Ansicht nach Zeit, mal wieder aufzurütteln. Außerdem will Guttenberg die Soldaten mit den Presseberichten über die Bundeswehr-Reform nicht alleine lassen und seine Pläne persönlich erläutern. «Sie brauchen keine Sorge haben, dass es keine Bundeswehr mehr gibt, wenn sie nach Hause kommen», sagte er den Soldaten. Die Truppe werde zwar kleiner, aber stärker sein. Und dann hatte Guttenberg noch ein anderes Versprechen für die Soldaten parat: «Mich werden sie hier nicht so schnell los. Das ist keine Drohung, aber eine Ankündigung».

Konflikte / Afghanistan
29.08.2010 · 14:08 Uhr
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