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Report: Über Deutschlands erstem AKW wächst Gras

Mutterboden, Sand und Steine bedecken im unterfränkischen Karlstein am Main den Boden an der Stelle, wo einst Deutschlands erstes Atomkraftwerk stand.Großansicht

Karlstein am Main (dpa) - Einst verschandelte ein eiförmiger Atommeiler zwischen Karlstein und Kahl an der bayerisch-hessischen Landesgrenze das Mainufer.

Etliche Maschinengebäude, ein tonnenschwerer Reaktorbehälter, radioaktive Komponenten - Deutschlands erstes Kernkraftwerk lieferte mehr als zwei Jahrzehnte lang Strom. Der Siedewasserreaktor ging nach nur 29 Monaten Bauzeit am 17. Juni 1961 ans Netz und erzeugte mit der 16-Megawatt-Anlage mehr als 2 Milliarden Kilowattstunden elektrische Energie.

Das ist längst vorbei, nicht nur, weil das sogenannte Versuchsatomkraftwerk Kahl (VAK) aus heutiger Sicht ein Zwerg unter den Energielieferanten war. Am 25. November 1985 wurde das VAK abgeschaltet und für rund 150 Millionen Euro in den vergangenen Jahren stückweise abgerissen. Geblieben ist ein Acker. Dort soll im Frühjahr Gras wachsen. «Momentan liegt das Gelände brach», sagt der geschäftsleitende Beamte im Karlsteiner Rathaus, Frank Ledergerber.

Bei der grünen Wiese wird es nicht bleiben. An eine landwirtschaftliche Nutzung der 2,5 Hektar denkt allerdings niemand. «Es gibt hier keine künstliche Radioaktivität mehr», versicherte zwar einst der Standortchef des früheren Reaktorbetreibers RWE Power, Walter Hackel. Aber wer will schon Salat, Kohl oder Bohnen essen, die von einem Acker kommen, auf dem einst ein Atomkraftwerk stand? Denn Radioaktivität kann man nicht schmecken, fühlen, sehen oder riechen - nur messen. Radioaktive Strahlung kann äußerst gefährlich sein und Schäden am Erbgut und damit Krebs auslösen.

Nein, für das Areal will die kleine Gemeinde Karlstein (Landkreis Aschaffenburg) neue Betriebe gewinnen. In der Nähe sind bereits Firmen aktiv, zum Beispiel Siemens, weitere sollen folgen. «Es soll wieder Industrie angesiedelt werden, aber natürlich keine Kernkraft», erklärt Ledergerber. RWE will nach jetzigen Plänen einen Teil der Fläche behalten, der Rest soll an andere Unternehmen verkauft werden.

Nachdem die Atomruine weg war, wurde im Karlsteiner Rathaus ein Bebauungsplan erstellt. «Es gibt Interessenten, aber es ist noch nichts beschlussreif», sagt Ledergerber. Welche Branchen sich auf dem Areal niederlassen wollen, will der Beamte noch nicht verraten.

Auf Deutschlands ersten Atomreaktor deutet nur noch wenig hin. Eine Gedenktafel über das Atomprogramm Deutschlands steht vor dem umzäunten Gebiet, ein Schild weist auf das frühere VAK hin. Im Gemeindewappen trägt Karlstein nach wie vor das Atomsymbol. Das VAK wurde damals nicht nur zur Stromerzeugung gebaut. Ziel war auch, Techniken auszuprobieren und zu verfeinern. Verschiedene Brennelementtypen wurden getestet, Material erprobt und Personal ausgebildet. In Spitzenzeiten waren nach RWE-Angaben mehr als 120 Mitarbeiter in dem Atomkraftwerk beschäftigt.

Umweltschützern war die Anlage natürlich stets ein Dorn im Auge. Nach Worten von Hartmut Haas-Hyronimus vom Bund Naturschutz in Aschaffenburg sind die damaligen Messungen von Radioaktivität nur unzureichend gewesen. «Die Messverfahren, die da eigentlich notwendig gewesen wären, hat man erst nach Tschernobyl entwickelt.» 1986 war das ukrainische Atomkraftwerk in Tschernobyl explodiert. Die Zahl der Todesopfer infolge des schweren Unglücks ist umstritten. Noch heute leiden in der Region große Landstriche unter der Verstrahlung.

Das VAK war vor dem Unglück schon abgeschaltet. Der Bund für Umwelt und Naturschutz zählte während der fast 25-jährigen Laufzeit des Kernkraftwerks etwa 90 Defekte und Störfälle in der Anlage. Sieben davon stuften die Naturschützer als ernsthaft ein.

Seit Mai vergangenen Jahres gilt der frühere Atommeiler rechtlich nicht mehr als kerntechnische Anlage, für die besondere Vorschriften gelten. Bei Messungen von Betreiber und dem Freistaat Bayern sind keine erhöhten Strahlungswerte auf dem Areal festgestellt worden. Die wegen der langen Betriebszeit von etwa 150 000 Stunden als besonders radioaktiv verstrahlte Atomruine ist Geschichte, die Fundamente wurden bis in eine Tiefe von vier Metern abgetragen. Die entstandenen Baugruben sind gefüllt und mit einer Schicht Mutterboden abgedeckt - der beige-gelblich schimmernder Samen symbolisiert den Neuanfang.

Atom / Bayern / Deutschland
18.03.2011 · 00:22 Uhr
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