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Report: Suche nach dem «Wolf im Schafspelz»

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Münster (dpa) - Der Keim, vor dem in Deutschland so viele Menschen Angst haben, trifft jeden Tag per Post in einem kleinen Labor in Münster ein. Schon 40 durchsichtige Plastikröhrchen mit EHEC-Erregern liegen vor. Sie sollen die Antwort geben, was Ursache der gefährlichen Durchfall-Infektion ist.

Die Forscher arbeiten unter Hochdruck. Denn in Deutschland sind schon 80 Menschen schwer erkrankt, es gibt mindestens zwei Tote. Eine 15-köpfige Gruppe von Forschern - geschützt mit weißen Kitteln und blauen Gummihandschuhen - nimmt Stuhlproben aller schwer erkrankten Patienten unter die Lupe.

Eines haben der Leiter des Labors, Professor Helge Karch und sein Team, schon herausgefunden. Von den 42 verschiedenen EHEC-Typen, die hierzulande bisher aufgetreten sind, kommen nur noch zwei Typen infrage, an der aktuellen Seuche schuld zu sein. «Es könnte aber auch ein ganz neuer Typ sein», sagt Karch. Deshalb arbeitet sein Team «Tag und Nacht durch, um den Cocktail an Giften zu identifizieren». Anderswo suchen Experten derweil nach der Infektionsquelle. Das ist leichter gesagt als getan. «Es kommen nicht nur Lebensmittel infrage, sondern auch Trinkwasser», sagt Karch. Der 57-Jährige und sein Team tragen ihren Teil zu der Suche bei, indem sie den Erreger aufspüren und so genau wie möglich das charakterisieren, was die Kollegen suchen müssen.

Außer dem Team darf niemand den Laborbereich betreten. «Kein Zutritt - Infektionsgefahr» steht auf einem Zettel an der Glastür. Wenn in diesen Tagen eine Durchfall-Probe auf dem Flur mit den schweren gelben Türen in der Robert-Koch-Straße ankommt, müssen Karch und sein Team den Keim darin erst einmal isolieren. Doch der versteckt sich im Stuhl zwischen den anderen, ungefährlichen Darmbakterien. «Unter einem Mikroskop erkennt man den EHEC-Erreger nicht», sagt Karch. «Er verhält sich wie ein Wolf im Schafspelz.»

Deshalb ist Geduld gefragt. Um an die genaue DNA-Information des Erregers zu kommen, stecken die Forscher jede Stuhlprobe für 24 Stunden in einen Brutkasten mit Körpertemperatur. Dann können die Forscher die entstandenen Zellkolonien mit einer Art Zahnstocher herauspicken und einzeln untersuchen. «Die EHEC-Erreger erkennen wir daran, dass sie Gifte produzieren», erklärt Karch. Wenn sie einen EHEC-Stamm isoliert haben, fertigen die Forscher einen Steckbrief an. In einer Kartei haben Karch und seine Kollegen alle Merkmale der in Deutschland je aufgetauchten 42 EHEC-Typen gesammelt. Damit gleichen sie ihre Ergebnisse ab. «Ich bin mir sicher, dass alle Proben von diesem Ausbruch von demselben Erreger-Stamm kommen.»

Zwei bis drei Tage dauert die Analyse. Je genauer Karchs Labor die Keime bestimmt, desto leichter wird die Diagnose - und überhaupt die Suche nach dem Ursprung allen Übels. «Bei einem ähnlich schlimmen Ausbruch in Japan stammten die Keime von kontaminierten Sprossen», sagt Karch. Soviel Forscherglück ist aber nicht selbstverständlich. Bei den drei großen Ausbrüchen, die es bisher in Deutschland gab, ist nie ans Licht gekommen, wie sie ihren Anfang genommen hatten.

Karch kennt sich damit aus wie kein anderer. 1998 hat er den EHEC-Stamm beschrieben, der bis heute für alle Ausbrüche der Darmerkrankung in Deutschland verantwortlich war. Der diesjährige Ausbruch aber macht selbst ihn stutzig. «So etwas habe ich noch nicht erlebt», sagt Karch. «Mir ist das sehr unheimlich.»

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Gesundheit / Infektionen
25.05.2011 · 21:57 Uhr
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