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Report: Stolz und Skepsis in Ramallah nach Abbas-Rede

Jubelszenen in RamallahGroßansicht

Ramallah (dpa) - «Ich bin ganz aufgeregt», sagt einer der Zuschauer in Ramallah, als Palästinenserpräsident Mahmud Abbas seine Rede vor den Vereinten Nationen am Freitag begann. «Aber ich glaube nicht, dass wir wegen des Antrags bald einen eigenen Staat bekommen», fügt der Student hinzu.

Im Zentrum des Arafat-Platzes in der florierenden Stadt im Westjordanland ist ein lautstarker Block von Demonstranten. Sie skandieren den Namen von Abbas, schwenken palästinensische Fahnen und veranstalten Pfeifkonzerte, wenn es darauf ankommt. Aber außen herum stehen die Menschen eher nachdenklich und beklatschen selten das, was Abbas im fernen New York zu sagen hat.

«Ich hoffe natürlich sehr, dass Abbas Erfolg haben wird. Aber wenn die USA dagegen sind, dann wird es sehr schwer», meint etwa die 28-jährige Maha. Mit ihrem Mann Azumin und ihren fünf kleinen Kindern ist sie gekommen, den großen Augenblick live mitzuerleben. Ob sie denn damit rechne, dass zumindest ihre Kinder einmal in einem unabhängigen palästinensischen Staat leben? «Auf jeden Fall, sogar ich werde das noch erleben», gibt sie etwas erbost zurück. Dann braust wieder Applaus auf, nachdem Abbas seinen verstorbenen Vorgänger und PLO-Mitbegründer Jassir Arafat erwähnt hat.

Der scheint zeitweise wie ein Gespenst durch die Reihen zu schreiten. Ein Arafat-Darsteller, der dem Original verblüffend ähnlich sieht, versetzt die Umstehenden ins Staunen. Zwei junge Männer geraten sich fast in die Haare, weil sich jeder allein mit dem Double fotografieren lassen will. Ansonsten ist die Stimmung sehr friedlich. Niemand verbrennt hier israelische Flaggen oder wie noch zwei Tage zuvor Fotos von US-Präsident Barack Obama nach dessen israelfreundlicher UN-Rede.

Der Platz ist leidlich gefüllt, auch auf den Dächern der Gebäude rundherum drängen sich Menschen. Auf einem riesigen Plakat sind Arafat und Abbas vereint unter dem Slogan «UN 194 Palestine State». Das Fernsehbild zerfällt bisweilen zwar in seine digitalen Einzelteile, und auch die Stimme von Abbas verwandelt sich dann in ein tiefes, unverständliches Gebrummel. Aber großer Beifall brandet sofort wieder auf, wenn Abbas Sätze wie diesen sagt: «Das ist unser Land, und wir werden für immer hierbleiben.» Weniger laut ist der Beifall, als er davon spricht, Israel die Hand des Friedens auszustrecken.

«Klar wird es jetzt nicht gleich einen Staat geben», meint auch der 34-jährige Ouf. «Aber Abu Masen (Abbas) geht eben einfach so weit, wie das Volk will, das er geht, er macht das, wovon wir träumen», sagt er. «Wir haben jahrelang alles für den Frieden unternommen. Und die Israelis? Die schießen auf uns. Warum tun sie das», fragt er verärgert. Irgendwann müsse es Frieden mit Israel geben. «Aber bestimmt nicht mit (dem israelischen Ministerpräsidenten Benjamin) Netanjahu. Wir hoffen eher auf das israelische Volk», sagt Ouf.

Sehr versöhnlich äußert sich ein Familienvater. «Ich hoffe, dass der Antrag auf UN-Mitgliedschaft uns dem Frieden näher bringt», sagt Mahmud Tarifi, einer der Zuschauer auf dem Arafatplatz. «Dann könnten Israelis und Palästinenser friedlich nebeneinander leben, jeder in ihrem Staat. Aber wir schaffen das nicht allein, wir brauchen die Hilfe der Welt dafür», sagt Tarifi. Euphorie ist das nicht, aber vielleicht das nötige Maß an Realismus, um den wohl noch langen Weg zu einem Ausgleich mit Israel zurücklegen zu können. Und ein guter Schutz gegen Frust.

Konflikte / UN / Nahost
23.09.2011 · 22:34 Uhr
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