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Report: Sarrazin dankt ab, liest und begeistert

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Potsdam (dpa) ­ Polizeischutz für den Autor. Nur weil bewaffnete Beamten und Bodyguards ihn schützen, kann Thilo Sarrazin (SPD) den Potsdamer Nikolaisaal am Donnerstagabend überhaupt betreten. Zu aufgebracht ist die Menge, die vor dem Gebäude zum Auftakt seiner bundesweiten Lesereise protestiert.

Unter ihnen sind viele Migranten. Im Saal angekommen, schwappt dem 65-Jährigen eine warme Welle der Sympathie entgegen. Viele der rund 700 Zuhörer scheinen Sarrazins umstrittene Thesen über integrationsunwillige Einwanderer zu unterstützen. Er bekommt viel Applaus - auch als er überraschend seinen Rücktritt als Bundesbankvorstand bestätigt.

Draußen hagelt es Pfiffe und Buh-Rufe. «Ich und meine Kollegen haben Wut im Bauch», sagt ein erboster Familienvater aus Berlin-Schöneberg, der vor 25 Jahren als Gastarbeiter aus der Türkei nach Deutschland kam und seitdem bei Siemens arbeitet. «Ich bin niemals schwarzgefahren, habe immer meine Steuern bezahlt.» Sein Freund aus Charlottenburg nennt Sarrazins Buch «Deutschland schafft sich ab» eine Provokation für alle Migranten. «Der Mann führt nicht zusammen, der spaltet.» Auf der gegenüberliegenden Straßenseite formieren sich mehrere Neonazis. Die Polizei erteilt ihnen rasch Platzverweise.

Im vollen Nikolaisaal tritt Sarrazin derweil an ein gläsernes Rednerpult und startet konzentriert. In 20 Minuten stellte er die Hauptthesen aus seinem 460 Seiten starken Buch vor, das das «Ergebnis jahrzehntelanger Erfahrung, jahrzehntelangen Nachdenkens» sei. Der Autor spricht über Geburtenrückgang, das «deutsche Volk» und «bildungsferne Gruppen aus muslimischen Ländern». Im Publikum ist immer wieder ein «Bravo» zu hören.

Nach dem Vortrag geht Moderator Ralf Schuler, Leiter der Politikredaktion der «Märkischen Allgemeinen Zeitung», direkt zur Diskussion mit dem Autor über. Er stellt Sarrazin die Fragen, die in den vergangenen Wochen schon viele andere formuliert haben. Dann aber reicht man Schuler ein kleines Zettelchen. Und er fragt er den Gast, ob es denn stimme, was da vermeldet werde. Sarrazin zögert kurz und bestätigt dann, dass er sich zum 30. September aus der Bundesbank zurückzieht. Es gibt Applaus - durchaus anerkennend.

Seit 14 Tagen sehe er sich einem «massiven Druck» ausgesetzt, sagt der ehemalige Berliner Finanzsenator. «Diese Situation hält auf Dauer keiner aus.» Mit dem Rückzug hoffe er, dass eine Diskussion über seine Thesen nun «vernünftig» geführt werde.

Aber einige im Publikum erwarten offensichtlich mehr als eine Debatte. «Herr Sarrazin: Wann gründen Sie die Partei der aufrechten Deutschen? Ich möchte Mitglied werden», fragt ein Mann enthusiastisch. Sarrazin antwortet: «Ich bin aufrechter Demokrat innerhalb der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands.» Freiwillig will er die SPD nicht verlassen. Spekulationen, er könne eine neue Partei gründen, erteilt er damit eine Absage.

Migration / Integration
10.09.2010 · 22:57 Uhr
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