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Report: Reichstag von Atomkraftgegnern umzingelt

Protest am ReichstagGroßansicht

Berlin (dpa) - Die Festung wurde wie geplant umzingelt: Zehntausende Atomkraftgegner marschierten rund um das Kanzleramt. Die Demo war friedlich, bunt und größer als erwartet. Generationen von Protestierern fanden zusammen.

Der Moderator bei der großen Anti-Atomkraft-Demo in Berlin fragt die Tausenden vor der Bühne nach dem Unwort des Jahres. «Jahrhundertsommer» und «Wachstumsbeschleunigungsgesetz» stellt er zur Auswahl - und «Laufzeitverlängerung». Das Ergebnis kommt so wenig überraschend wie eindeutig: Ein ohrenbetäubendes Pfeifen, Tröten und Buh-Rufen hallt bei dem dritten Wort über den Platz vor dem Hauptbahnhof und leitet eine Demonstration ein, die die Erwartungen der Veranstalter deutlich übertrifft.

Schon lange vor Beginn am Samstagmittag quillt der Platz vor Menschen über. Säße Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) in ihrem Büro, hätte sie den besten Ausblick auf den Protest gegen ihre Politik der längeren Nutzung von Atomenergie. Direkt gegenüber vom Kanzleramt, getrennt nur durch die schmale Spree, strömen Menschen aus dem Bahnhof oder ankommenden Bussen. Im stürmischen Wind flattern rote, grüne und weiße Fahnen. Aber es dominiert wie in den 80er Jahren das Gelb mit roter Sonne und dem alten Slogan «Atomkraft? - Nein Danke».

Die Veranstalter - mehrere große Umweltverbände - sprechen später von 100 000 Demonstranten, viel mehr als sie erwartet hätten. Die Polizei sagt, die angemeldete Zahl von 30 000 Teilnehmern sei deutlich erfüllt. Beobachter schätzen, dass mehr als 50 000 sich in einem langen Zug auf den Weg machen, um Reichstag und Kanzleramt zu umzingeln.

Angeführt wird der Zug von Traktoren aus Niedersachsen, wo schon zwei Generationen von Bauern gegen die umstrittenen Endlager für den Atommüll kämpfen. Auf einem gelben Bauwagen, der an einem großen Traktor hängt, steht: «Jahrzehntelang belogen - jahrtausendelang verstrahlt».

Die demografische Entwicklung der Gesellschaft lässt sich auch bei diesem Protest nicht übersehen. Junge Eltern, Studenten oder Schüler laufen mit, viele sind auch zum ersten Mal dabei, wie die 34-jährige Daniela Ortgies aus Berlin: «Dass jetzt auch die älteren Kraftwerke weiter laufen sollen, finde ich schon eine Frechheit.»

Aber jüngere Menschen dominieren nicht mehr die Bewegung wie in den 80er Jahren. Männer und Frauen mit wenigen oder grauen Haaren klatschen zur alten Protest-Hymne der niederländischen Band Bots «Was wollen wir trinken?» Eine Ärztin erzählt auf der Bühne von ihrer ersten Demonstration gegen Atomkraft 1976.

An die großen Proteste der Friedens- und Umweltbewegung, an die musikalisch erinnert wird, reicht die Menge der Demonstranten nicht heran. Das Ziel - die symbolische Umzingelung von Reichstag und Kanzleramt - erreichen die Zehntausenden trotzdem schnell.

Als die letzten Menschen am Platz vor dem Bahnhof erst starten, trifft die Spitze des Zuges am anderen Spreeufer wieder ein. Die Straße zwischen Kanzleramt und Bundestag ist ein buntes Fahnenmeer. Ein Sprecher der Umweltschutz-Gruppen, die zu dem Protest unter dem Motto «Atomkraft: Schluss jetzt» aufgerufen hatten, sagt stolz: «Das Regierungsviertel ist nicht nur umzingelt, es ist geflutet von Menschen.»

Und noch einen kleinen Triumph feiern die Atomkraftgegner. Obwohl Polizei und Verwaltungsgericht die gewünschte Kundgebung auf der Wiese vor dem Reichstag nicht erlaubt hatten, stürmten am Nachmittag trotzdem tausende Menschen über die rot-weißen Absperrgitter auf den Rasen und besetzen die Treppe vor dem Parlament. Die Polizei lässt sie weitgehend gewähren. Nach einigen Diskussionen ziehen sie freiwillig wieder ab.

Auch die Opposition im Bundestag nutzt ihre Stunde, obwohl sie nicht auf die Rednerbühne darf. Der SPD-Vorsitzende Sigmar Gabriel warnt vor einem massiven gesellschaftlichen Konflikt: «Ich fürchte, dass es nicht nur friedliche Auseinandersetzungen geben wird.» Grünen-Chefin Claudia Roth wirft Union und FDP einen «Anschlag auf die Demokratie» vor.

Am Schluss bilden sich lange Schlangen vor einem Förderband. Gelb bemalte Konservendosen oder kleine gelbe Bierfässer mit der Aufschrift «1 Million Jahre Strahlung» werden als symbolische «Atommüll-Tonnen» auf das Band geworfen und zu einem großen Berg aufgetürmt. Der Moderator auf der Bühne weist indirekt auf ein weiteres Zukunftsproblem der alternden Gesellschaft hin. Vermisst wird eine Frau namens Lotta. Der Sprecher entschuldigt sich für seine dröhnende Ansage: «Ich muss es so laut sagen, sie hat ein Hörgerät.»

Energie / Atom / Demonstrationen
19.09.2010 · 13:55 Uhr
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