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Report: Reichstag im Visier? Besucher gelassen

Berlin (dpa) - Wie immer stehen am Sonntagmorgen die Besucher geduldig vor dem Reichstag in einer langen Schlange an. Eine Pantomimengruppe vertreibt den Wartenden die Zeit, ein Brezelverkäufer wirbt passend zu dem nebligen, spätherbstlichen Wetter lautstark für seine handwarme Ware.

Sorge oder gar Angst sind hier nicht zu spüren, obwohl das Symbol der deutschen Demokratie möglicherweise nun im Fokus der islamistischen Terrororganisation Al- Kaida steht. Die Besucher geben sich gelassen, die Sicherheitskräfte halten sich zurück und sind kaum zu sehen.

Einige wenige Polizisten stehen auf der Treppe vor dem Haupteingang des historischen Gebäudes in der Mitte der Hauptstadt und beobachten die Besucher, die die gläserne Reichstagskuppel besuchen wollen. Das Ende der Treppe ist bestens geeignet, um sich einen Überblick zu verschaffen und rechtzeitig zu reagieren, falls etwas Ungewöhnliches passiert. Für die Besucher wird sich vermutlich auch in den kommenden Tagen trotz der jüngsten Terrorwarnungen nicht viel ändern. Die inneren und äußeren Sicherheitsmaßnahmen am Sitz des Bundestages seien zwar verstärkt worden, sagte Bundestagssprecher Christian Hoose am Samstag. Ansonsten gebe es aber «den normalen Betrieb», fügte er hinzu. Zu den nicht sichtbaren Maßnahmen wollte er sich nicht äußern.

Schon seit geraumer Zeit werden die Besucher im Inneren des Reichstages genau überprüft. So tasten auch am Sonntag bewaffnete Sicherheitsleute die Menschen ab und kontrollieren die Taschen. Draußen ist auf den ersten Blick keine erhöhte Präsenz der Sicherheitskräfte sichtbar. Ein abgestellter Einsatzwagen und Absperrgitter rund um das Gebäude sind die einzigen Anzeichen, dass etwas anders ist als sonst. Die Gitter sind allerdings keine Reaktion auf Medienberichte vom Wochenende, wonach es Terrorkommandos auf die Touristenattraktion abgesehen haben könnten. Sie wurden schon am vergangenen Mittwoch aufgebaut, unmittelbar nach der Warnung von Innenminister Thomas de Maizière (CDU) vor einem drohenden Anschlag.

«Ich fühle mich hier sehr sicher», sagt etwa Karl-Heinz Tudsen, der mit seiner Frau Sabine den Reichstag besuchen möchte. An jeder Ecke seien derzeit in Berlin Polizisten zu sehen. Auch hier vor dem Reichstag seien sicher viele Zivilbeamte unterwegs, fügt der 50- Jährige aus Schleswig-Holstein hinzu. Dass die Absperrgitter offen sind und Besucher weiterhin direkt an das Gebäude herangehen können, hält er für eine richtige Entscheidung. «Es soll ja nicht so sein wie früher in der DDR», betont Tudsen. Und dann seien da schließlich noch die Überwachungskameras. Seine Frau kann dem nicht ganz zustimmen. «Ich habe schon ein mulmiges Gefühl», gesteht sie.

Jedes Jahr zieht der Reichstag drei Millionen Besucher an. Sie wollen die Kuppel besuchen, die der britische Architekt Sir Norman Foster nach der Wiedervereinigung baute. Sie bietet einen herrlichen Ausblick über die Dächer im Berliner Regierungsviertel. Das Gebäude ist ein geschichtsträchtiger Ort. Hier wurde 1918 die Republik ausgerufen. Der Reichstagsbrand diente den Nazis 1933 als Vorwand, die Grundrechte weitgehend außer Kraft zu setzen. Am 3. Oktober 1990 traten im Haus die DDR-Volkskammer und der Bundestag zur ersten Sitzung des ersten gesamtdeutschen Parlaments zusammen. Die Verhüllung des Reichstags durch den Künstler Christo sahen im Sommer 1995 mehr als fünf Millionen Menschen.

Mit gemischten Gefühlen» nähert sich eine Familie aus Rheinland- Pfalz dem Gebäude. «Ich bin schockiert, wie weit sich das hier bereits verändert hat», sagt die etwa 50-jährige Frau und zeigt auf die Absperrgitter. Wie viele andere will sie ihren Namen lieber nicht nennen. Sie hatte von den Berichten über den Reichstag als Anschlagsziel am Morgen gehört. Sie habe kurz überlegt, «ob es vielleicht nicht klüger ist, den Besuch im Parlament abzusagen». Doch die Familie entschied sich anders.

Ein Verkäufer vor dem beliebten Touristenziel hatte sogar überlegt, seine Schicht abzugeben. Schließlich rang er sich doch durch und bleibt vor dem Reichstag. Man dürfe sich ja auch nicht verrückt machen lassen, fügt er hinzu. Ähnlich sieht es ein Pärchen aus Frankfurt am Main. «Dann darf ich ja gar nicht mehr aus dem Haus gehen. Jetzt sind wir schon mal hier, dann gehen wir auch in den Reichstag», sagt der Mann - und stellt sich in die Schlange.

Innere Sicherheit / Terrorismus
21.11.2010 · 21:57 Uhr
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