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Report: Merkels Abenteuerreise quer durch Europa

Bundeskanzlerin Angela Merkel unterhält auf dem Weg von Bozen nach Berlin mit Journalisten im Bus.Großansicht
Bozen (dpa) - «Letzte Zuflucht Bozen» - die Zeitung «Z am Sonntag» feierte den Südtiroler Urlaubsort als Rettung der deutschen Kanzlerin auf ihrer Irrfahrt durch Europa.

Samstagnacht legte Angela Merkel (CDU) dort den letzten Zwischenstopp auf ihrem von Pech und Asche geprägten Rückweg aus den USA nach Berlin ein. Vor der Aschewolke sind alle gleich - das Flugverbot traf seit Freitag Urlaubsreisende, Geschäftsleute und Politiker gleichermaßen.

In Bozen warteten Fotografen und Kamera-Teams schon. Die «Zett» titelte: «Willkommen Frau Kanzlerin!» Immerhin - die Stadt freute sich. Merkel, die in der Region sonst gern Urlaub macht, gab höflich zurück: «Wir haben uns hier sehr wohl gefühlt.» Aber ihr reichte es dann auch nach einem bald mehr als 60-stündigen Versuch, nach Hause zu kommen: «Jetzt freuen wir uns auf die Heimreise.»

Als Merkel am 12. April in Berlin gestartet war, konnte sie nicht ahnen, dass sich ihrer USA-Reise ein Europa-Trip anschließen würde: «So etwas ist mir noch nie passiert.» Erst am Sonntag war sie nach zweitägiger Verspätung wieder an der Spree. Merkel kann nun wohl jedem Reisebüro Konkurrenz machen. «Merkel-Tours: In 7 Tagen um die halbe Welt - Überraschungen inklusive», wäre ein treffender Slogan.

Normalerweise ist bei einer Auslandsreise des deutschen Regierungsoberhaupts nichts dem Zufall überlassen. Jeder Schritt wird vorher abgegangen, die Termine sind Schlag auf Schlag getaktet. Keine Minute, die das dafür zuständige Protokoll des Auswärtigen Amtes nicht vorher durchdacht hätte. Und dann so etwas.

Der Luftraum über Deutschland wurde gesperrt. Durch die Aschewolke, die sich nach dem Vulkanausbruch in Island über Europa ausgebreitet hat, kam auch keine Kanzlerin. Sie musste ihren Rückflug von San Francisco nach Lissabon umleiten, dann nach Rom weiterfliegen und von dort aus mit dem Auto rund 1700 Kilometer nach Hause fahren.

Bei den deutschen Botschaften in Portugal und Italien brach Hektik aus wegen des Spontanbesuches. Merkel hatte eine 60-köpfige Delegation dabei. Gebraucht wurden Busse und für die «Reiseleiterin» Merkel eine gesicherte Limousine. Polizeiwagen mit Blaulicht mussten die Kolonne begleiten. Auf der Fahrt von Rom nach Bozen platzte dann auch noch ein Reifen des Busses der Delegation. Improvisation ist für das Protokoll gleichermaßen Pflicht und Horror. Ist das eine Reise im Ausnahmezustand? Der stellvertretende Protokollchef, Karl Wokalek, nahm es mit Humor. «Das Protokoll ist der Ausnahmezustand.»

Regieren kann Merkel aber auch per Handy und vom Ausland aus. Für sie war wichtig, überhaupt erst einmal von San Francisco nach Europa zu gelangen, weil gleiche Zeitzonen das Telefonieren vereinfachen. An der Westküste Amerikas gehen die Uhren neun Stunden nach.

Auch Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU) hatte unter den Folgen der Aschewolke zu leiden. Er wollte eigentlich mit den beim jüngsten Anschlag auf die Bundeswehr in Afghanistan verletzten fünf Soldaten nach Deutschland zurückfliegen, kam aber nur bis Istanbul. Von da aus reiste er per Minibus nach Ungarn und dann mit einer Propellermaschine nach Berlin - eine rund 2200 Kilometer lange Tour. «Er schlägt sich irgendwie durch», hieß es. Jenen Männern in der Merkel-Delegation, die ob der Odyssee am Sonntag die Konfirmation oder Kommunion ihrer Kinder verpassten, gab die Kanzlerin persönlich signierte Autogrammkarten mit - quasi als höchstregierungsamtliches Entschuldigungsschreiben für ihre Väter. Merkel selbst musste die Trauerfeier für den vor einer Woche über Russland mit dem Flugzeug abgestürzten polnischen Staatspräsidenten Lech Kaczynski absagen.

Mehrfach wurde die Frage gestellt, ob es wirklich keine Chance gab, pünktlich nach Berlin zurückzukommen. Wie es hieß, spielte aber nicht nur die Aschewolke eine Rolle bei der Entscheidung für den großen Umweg. Vielleicht hätte diese eine Landung bereits am Freitag sogar noch nicht einmal verhindert. Doch die Piloten der Regierungsmaschine hätten dann wohl ihre zulässige Höchstflugzeit überschritten. Das hätte Merkel nicht unterstützt. Erst recht nach der polnischen Flugzeugkatastrophe wollte sie wohl jeden Eindruck vermeiden, sie würde die Piloten unter Druck setzen.

Dass sie selbst als Kanzlerin nur mit Hindernissen an ihren Amtssitz zurückkam, nahm Merkel gelassen. Ihr war wichtig, dass sie zu Beginn der Arbeitswoche wieder in Berlin ist: «Dann ist doch alles gut.»

Vulkane / Luftverkehr / Island
18.04.2010 · 22:10 Uhr
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