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Report: Leben und Sterben in zertrümmerter Stadt

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Port-au-Prince (dpa) - Vor zerstörten Schulen, Kindergärten, Häusern und Hotels in Port-au-Prince warten verzweifelte Menschen. Sie vermissen ihren Bruder, ihre Schwester, Eltern, Onkel und Tanten, Freunde.

Doch die Chancen, die Vermissten Tage nach dem verheerenden Erdbeben in Haiti noch lebend zu finden, schwinden. Dennoch setzen die Menschen ihre Hoffnung auf die internationale Rettungskräfte, damit sie wenigstens die Leichen beerdigen können.    

In Haiti geht es nun um den Kampf derjenigen, die das verheerende Erdbeben überstanden haben. Die Lage in Port-au-Prince könnte sich verschärfen: In der zerstörten Hauptstadt leben mehr als eine Million Menschen. Allerdings unter äußerst schwierigen Bedingungen. Die meisten campieren unter freiem Himmel auf der Straße, auf Grünflächen und in Parks. Hunderttausende Haitianer trauen sich nicht mehr, in die meistens stark beschädigten Häuser zurückzukehren, aus Furcht vor neuen Erdstößen. Noch immer sind kleinere Nachbeben zu spüren. Die Menschen sind traumatisiert.

«Warum kommt Ihr her mit Euren Kameras, und nicht mit Essen», klagt der junge Familienvater Sammy. «Wir haben Hunger und warten schon so lange.» Er steht mit einem weißen Tuch vor dem Mund auf dem Dach eines Hauses und betrachtet einen Hang auf der gegenüber liegenden Seite eines Tals. Er sieht völlige Zerstörung. Keines der Betonhäuschen ist erhalten. Viele Hütten sind den Hang herabgerutscht und liegen zertrümmert auf dem Grund des Tals. «Was tut Ihr denn, um Lebensmittel hierher zu schaffen»? fragt Sammy verzweifelt. «Ich gebe auf, ich will raus aus dem Land.»

Auf den Straßen sind unzählige Menschen unterwegs. Oft tragen sie einen Mundschutz. Viele haben sich unter der Nase mit Zahnpasta eingecremt, um den Leichengeruch und den Gestank verderbenden Mülls zu überdecken. Sie scheinen aus dem Schock aufzuwachen, in den sie das Erdbeben am Dienstag versetzt hat. Viele stehen nach Wasser und Lebensmitteln an. An einigen Stellen gibt es wieder Obst und Gemüse, Papayas, Bananen, süße Kartoffeln und Ananas zu kaufen.

Offenbar sind erste Lieferungen aus der Dominikanischen Republik eingetroffen, dem Nachbarland Haitis auf der Insel Hispaniola. Frauen tragen Wassereimer und Säcke auf den Köpfen, Männer transportieren auch Fernseher und andere Gegenstände, die sie wohl unter den Trümmern hervorgezogen haben.

Für Michael Kühn, Repräsentant der Deutschen Welthungerhilfe in Haiti, ist die Katastrophe von Port-au-Prince ein logistischer Alptraum. «Es gibt nichts, worauf wir bauen können», beschreibt er die Lage. Soeben wurde bestätigt, dass die Führung der UN-Mission MINUSTAH in Haiti ums Leben gekommen ist. Die aus etwa 10 000 Soldaten, Polizisten und zivilen Mitarbeitern bestehende Mission versucht seit 2004, das wirtschaftlich und politisch zerrüttete Land nach Jahrzehnten der Ausbeutung und der Diktatur zu stabilisieren.

Auch die ohnehin schwache Regierung Haitis ist kaum handlungsfähig. Denn auch Minister und viele Beamte starben. «Wir werden ab Anfang der kommenden Woche Wasser, Decken und Dinge verteilen, die die Menschen jetzt vordringlich benötigen», sagte Kühn. Gemeinsam mit lokalen Partnern und an sicheren Orten wie Kirchen und Sportplätzen. «Im schlechtesten Fall kann es zu Gewalt kommen.» Unter anderem deshalb habe es bis zum Samstag noch keine Verteilaktionen gegeben.

Einige Menschen verfügen noch über Vorräte. Die großen Parks sind die Bleibe für Tausende. Überall wird über Holzfeuern gekocht und gebraten. Spaghetti in einer Fettsoße, Gemüse bei Sandy und ihrer Familie. Die junge Frau von Mitte 20 hat gegenüber dem schwer beschädigten Präsidentenpalast Unterschlupf gefunden.

Die Rettungsmannschaften aus vielen Ländern suchen in den Trümmern weiter nach Überlebenden. Doch die Hoffnungen sinken. In den Ruinen der Sprachwissenschaftlichen Fakultät der Universität von Haiti entdeckten die Männer des Luxemburger Zivilschutzes am Samstag mit ihren Hunden 25 Tote. «Wir schicken jetzt noch mal die Hunde über den Trümmerhaufen», sagt der Chef Kevin Thex. «Dann fahren wir zum nächsten Einsatz».

Erdbeben / Haiti
17.01.2010 · 22:19 Uhr
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