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Report: Karstadt-Mitarbeiter im Schockzustand

Mahnwache in LeipzigGroßansicht
Hamburg (dpa) - Mit Entsetzen und Tränen haben die Mitarbeiter in ganz Deutschland auf den Insolvenzantrag der Karstadt Warenhaus AG reagiert. «Das ist durchgegangen wie eine Explosion», sagt Betriebsrätin Gabriele Schuster in der Essener Zentrale der Konzernmutter Arcandor.

«Die Stimmung ist grausam, die Mitarbeiter weinen.» Jetzt würden bei der Sanierung sicher viele Stellen gestrichen, fürchtet sie. Konsternierte Mitarbeiter stehen mit leerem Gesicht in der Eingangshalle des Unternehmens. Eine Frau reibt sich die Augen. Eine ihrer Kolleginnen zerknüllt ihr Taschentuch.

Allein in der Zentrale in Essen arbeiten rund 2000 Menschen. Nicht nur sie befürchten nach einer Fusion der Karstadt-Warenhauskette mit Kaufhof scharfe Kürzungen. Der tagelange Kampf um ihre Arbeitsplätze scheint vergebens gewesen zu sein.

In der Frankfurter Karstadt-Filiale löste die Nachricht vom Insolvenzantrag eine Schockwelle aus. «Das kam für uns total unerwartet», berichtete Betriebsratschef Norbert Sachs. Die Unterschriftensammlung zur Rettung des Kaufhauses sei sofort eingestellt worden. Für die 900 Beschäftigten des Warenhauses auf der Einkaufsstraße Zeil sei die Nachricht «ein Schlag in die Magengrube» gewesen, sagt Sachs. «Wir haben doch alles gemacht. Wir haben demonstriert und wir sind mitten in der Nacht nach Berlin gefahren.»

An den Schaufenstern der Filiale in Dortmund hängen noch Schilder mit dem Slogan «Wir kämpfen weiter». Doch drinnen steht den Mitarbeitern die Betroffenheit ins Gesicht geschrieben. «Bitte, ich möchte dazu wirklich nichts sagen», sagt eine Verkäuferin mit brüchiger Stimme. Dann legt sie die Hand auf ihre Brust, schüttelt den Kopf. So geht es vielen.

Eine Kollegin sagt leise, während sie ein Hemd zusammenfaltet: «Ein bisschen Hoffnung ist noch da. Irgendeine Lösung gibt es doch immer, oder?» Die meisten Kunden haben noch nichts von der Hiobsbotschaft mitbekommen. «Seit 50 Jahren habe ich bei Karstadt eingekauft», sagt eine ältere Dame. «Hier gibt es einfach alles, Haushaltswaren, Textilien.» «In Deutschland geht ein Stück Einkaufskultur verloren», ergänzt ein anderer Kunde.

Auch im Berliner Kaufhaus des Westens, kurz KaDeWe, wurde in den vergangenen Tagen für den Erhalt der Arbeitsplätze gekämpft. Jetzt herrscht Enttäuschung. Die Aussicht auf eine Übernahme durch Metro macht den Mitarbeitern wenig Hoffnung. «Eine Fusion kostet immer Arbeitsplätze», sagt Mitarbeiterin Barbara Kiepker. «Im Moment sind wir alle ratlos», ergänzt eine Kollegin.

Wie ein Schock wirkte die Nachricht vom Insolvenzantrag auch auf Verkäufer und Kunden bei Karstadt in Norddeutschland. Vor dem Flensburger Haus in der Fußgängerzone stehen Dutzende Grablichter. Wie hier scheinen auch die Angestellten in Kiel die Ereignisse fast schon ein wenig resignierend hingenommen zu haben.

Am Nachmittag gibt es keinen lautstarken Protest oder spontane Aktionen, stattdessen verstohlene Blicke und geflüsterte Gespräche unter Kollegen. Einsam und verlassen steht der Tresen, an dem sich die Kunden mit ihrer Unterschrift für die Rettung von Karstadt starkmachen können. Zwischen Kleidung, Haushaltswaren und Elektroartikeln will sich niemand zu der Insolvenz äußern.

Acht Karstadt-Häuser mit 1300 Arbeitsplätzen gibt es in Schleswig-Holstein. Sie prägen seit Jahrzehnten das Bild der Innenstädte entscheidend mit, sind für viele Kunden immer noch ein Magnet. «Ich bedaure es sehr», sagt die Flensburgerin Feline Otten. «Es tut mir leid für die Mitarbeiter», sagt Maria Petersen. «Aber Schuld hat sicher nicht nur die Wirtschaftskrise.»

Nicht nur bei Karstadt-Mitarbeitern herrscht Fassungslosigkeit. Auch beim Versandunternehmen Quelle, einer weiteren Arcandor-Tochtergesellschaft, sind die Beschäftigten entsetzt. «Das ist der Super-GAU», sagt Betriebsratschef Ernst Sindel. Jetzt gehe es darum, möglichst viele Arbeitsplätze bei Quelle zu retten. Welche Folgen die Insolvenz für Quelle mit seinen 8000 Mitarbeitern hat, ist unklar.

Viele Mitarbeiter hoffen darauf, dass es trotzdem irgendwie weitergeht. «Die können doch die Quelle nicht einfach im Stich lassen, mit dem ganzen Versand und was da alles dranhängt», sagt eine Verkäuferin im Quelle-Einkaufszentrum in Fürth. Ein Kollege zeigt sich über die Führung des Arcandor-Konzerns empört. «Da arbeitest und arbeitest du, und dann kommt ein Konzern und macht alles kaputt.»

Handel / Arcandor
10.06.2009 · 07:33 Uhr
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