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Report: Im Schatten des Vulkans

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Reykjavik (dpa) - Die Probleme gestrandeter Flugpassagiere überall in Europa wegen Lavaasche möchte Annika Rosén auf Island auch mal haben. «Wir sind eingeschlossen und können per Auto überhaupt nicht mehr weg. Nach Westen ist die Straße wegen der Überschwemmung über 400 Meter aufgerissen. Und nach Osten ist es durch die dicke Lavaasche dunkel wie in der Nacht», berichtete die gebürtige Schwedin vom Fuß des Eyjafjalla-Gletschers am Freitag.

Einmal musste sie diese Woche schon mit ihrem Mann und der 16-jährigen Tochter den einsam gelegenen Bauernhof nachts um zwei Uhr in aller Eile verlassen. Die Behörden hatten angerufen und zur Eile wegen einer drohenden Überschwemmung gemahnt. Sie blieb dann aus.

«Angst haben wir vor allem vor der Lavaasche», berichtet Rosén am Telefon. Dabei geht es aber nicht um das eigene Leben, sondern um die Existenzgrundlage: «Wenn sich die Asche auf die Wiesen legt, müssen sofort die Pferde rein, denn Fluor in der Asche ist gefährlich für sie.» Kommen größere Mengen Asche nieder, können die Bauern nicht das nötige Heu für die Winterfütterung einfahren.

1947, als der Hekla, Islands größter Vulkan aktiv war, lag die Asche in der Umgebung einen halben Meter hoch. «So was wäre richtig schlimm für uns», sagt Rosén. Kurz nach dem Zweiten Weltkrieg seien damals US-Soldaten die rettenden Engel mit ihren Schaufelbaggern gewesen. «Aber die Soldaten sind ja aus Island abgezogen», seufzt die seit 18 Jahren am Eyjafjalla-Gletscher lebende Bäuerin.

«Nachts schlafen wir gut, denn wir verlassen uns auf die Wachsamkeit unserer Behörden», erzählt sie. Während die zuständigen Stellen in Island mit hypermoderner Ausrüstung die Bewegungen unter und über der Erde studieren, wendet die Familie eine seit Jahrhunderten bewährte Messmethode für den Hausgebrauch an: Ein weißer Teller vor dem Haus gibt zuverlässig Auskunft darüber, ob und wie viel Asche vom Himmel kommt. Und ob man da etwas unternehmen muss. Bisher ist er weiß geblieben.

Die Tochter kommt nicht zur 30 km entfernten Schule, aber sonst geht die Arbeit ihren gewohnten Gang. Am schlimmsten findet die Mutter die totale Ungewissheit darüber, wie, wo genau und wie lange der Gletschervulkan aktiv wird und bleibt: «Würde er wirklich, wie bei unserer Evakuierung befürchtet, auch hier am Südende des Gletschers ausbrechen, würden Schmelzwasser und eine Lehmflut unseren Hof mitreißen.»

Die Experten im 125 km entfernten Reykjavik können Rosén und knapp 800 anderen Anwohnern die drängendsten Fragen auch nicht beantworten. «Es kann ganz plötzlich zu Ende sein oder zwei Jahre dauern, wie beim letzten Ausbruch am Eyjafjalla 1821. Niemand weiß das», sagt der Geophysiker Martin Hensch am Vulkanologischen Institut der Universität Island.

Der deutsche Forscher ist vor einem Jahr aus Hamburg nach Reykjavik gewechselt, weil es auf Island 30 aktive Vulkane gibt: «Für meine Arbeit ist das jetzt natürlich riesig spannend. Deshalb bin ich hierhergekommen.» Bei Hensch ist zurzeit Hochsaison.

Vulkane / Luftverkehr / Island
16.04.2010 · 22:46 Uhr
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