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Report: Im Einsatz in den Hügeln von Kundus

Hauptbootsmann Holger hält seinen Einsatz in Afghanistan «selbstverständlich» für sinnvoll.Großansicht
Char Darah/Kundus (dpa) - Höhe 431 nennen die Militärs den Hügel im nordafghanischen Distrikt Char Darah, auf dem die Bundeswehr Stellung bezogen hat. Hier erinnert nichts mehr an Soldaten, die am Hindukusch Brunnen bohren oder Brücken bauen. Hier sind Deutsche im Krieg.

So empfinden das jedenfalls die Truppen, auch wenn die Politik das so deutlich noch nicht sagen will. Frisch ausgehobene Gräben durchziehen die Anhöhe. Soldaten stehen an schweren Maschinengewehren. Scharfschützen beobachten von ihren Stellungen aus das Umland. Jeder hier war schon im Gefecht mit den Taliban. Die Soldaten wurden vom Bundestag an diesen unwirtlichen Flecken Erde in der Provinz Kundus geschickt - nun fühlen sich viele von ihnen von der Heimat im Stich gelassen.

Am Vormittag wartet ein Zug Kampftruppen im Feldlager in Kundus darauf, die Kameraden der Schnellen Eingreiftruppe (Quick Reaction Force/QRF) auf der Höhe 431 abzulösen. Die Soldaten scherzen miteinander, einige rauchen vor der Abfahrt des Konvois noch eine Zigarette. Die kommenden Tage werden die inzwischen kampferprobten Männer außerhalb der Camp-Mauern verbringen, die Bundeswehr will Fehler der Vergangenheit nicht wiederholen. Soldaten sollen nicht mehr nur für kurzfristige Operationen ausrücken, ins Lager zurückkehren und den Taliban das mühsam eroberte Gelände wieder kampflos überlassen.

«Das Grundprinzip unseres Vorgehens ist, dass wir nur reingehen, wenn wir und die afghanischen Sicherheitskräfte auch auf Dauer bleiben können», sagt der Kommandeur des Wiederaufbauteams (PRT), Oberst Kai Rohrschneider. Er wünscht sich dafür eine weitere Kompanie Kampftruppen in Kundus. Im vergangenen Sommer waren deutsche und afghanische Soldaten für die Operation «Adler» nach Char Darah ausgerückt. Sie lieferten sich schwere Gefechte mit den Taliban, nach einigen Tagen zogen die Deutschen wieder ab. Die Taliban sickerten erneut in das Gebiet ein. Damals hieß es in Kundus, die selbst ernannten Gotteskrieger hätten Todeslisten mit den Namen jener Afghanen erstellt, die mit den Ausländern kollaborierten.

Die Ablösung für die Höhe 431 ist an diesem Wintertag bereit zum Abmarsch aus dem Feldlager, ein Unteroffizier weist die Soldaten ein, bevor es losgeht. «Feindlage unverändert», sagt er. Die Warnungen vor Sprengfallen aus den letzten Tagen seien «soweit noch intakt». Es gebe Hinweise, dass Aufständische drei Fahrzeuge zu rollenden Bomben umgebaut hätten, eines davon angeblich mit 300 Kilogramm Sprengstoff. «Elbe» und «Donau» hat die Bundeswehr die Markierungspunkte auf der Route nach Char Darah genannt, die der Konvoi mit Panzerfahrzeugen der Typen Dingo und Fuchs nehmen wird.

Die Soldaten tragen Splitterschutzwesten. Handschuhe sollen die Hände bei einem Bombenanschlag vor Verbrennungen schützen, Schutzbrillen dafür sorgen, dass man nicht erblindet. Ohrstöpsel sollen verhindern, dass bei einem Panzerfaust-Angriff das Trommelfell platzt. Die Taliban, sagt ein Soldat mit einer Mischung aus Abscheu und Bewunderung, wirkten oftmals völlig unbeeindruckt von der Übermacht des Gegners. Kämpfer der Aufständischen würden sich offen auf ein Feld stellen und so lange angreifen, bis sie erschossen würden. Ein anderer Soldat nennt die Aufständischen «ziemlich einfallsreich und auch ziemlich motiviert».

Hauptbootsmann Holger - wie bei allen Soldaten hier darf nur der Vorname genannt werden - sitzt am Steuer eines Dingos. Er lässt den Motor an und rät dazu, den Helm abzusetzen. Bei einem IED-Anschlag - im Militärjargon steht IED für Improvised Explosive Device, ein selbstgebauter Sprengsatz - könnte die Druckwelle die Insassen gegen die Fahrzeugdecke schleudern. Der Helm könnte einem dann das Genick brechen. «Und wenn wir so massiv angegriffen werden, dass wir im Fahrzeug einen Helm brauchen, dann haben wir eh andere Probleme», sagt der 38-Jährige. Er lacht dabei. Holger sagt, er möge seine Arbeit, er habe es auch schon mit einem ruhigeren Posten bei der Bundeswehr versucht, doch für ihn sei das nichts gewesen.

Der Konvoi fährt los, aus dem Lager heraus, durch den Südteil von Kundus-Stadt, dann hinein nach Char Darah. Kinder winken, genau wie vor ein paar Jahren, als Kundus noch eine der friedlichsten Provinzen Afghanistans war. Manche Jungen formen Daumen und Zeigefinger beider Hände zu einer Art Dreieck, als würden sie Volleyball spielen. Die Bundeswehr hat vor kurzem Bälle verteilt, sie wollen auch welche. Dann kommt aus einem der Panzerfahrzeuge ein Funkspruch, dass ein Afghane am linken Straßenrand ein Handy zückt. Die Taliban haben ein Netzwerk an «Spottern», die melden, wann sich Truppen wohin bewegen. Viel können die Soldaten dagegen nicht unternehmen - der Afghane könnte schließlich nur einen Freund anrufen.

Holger ist seit November in Kundus, im Winter zuvor war er das erste Mal dort, auch damals war er in Char Darah eingesetzt. «Selbstverständlich ist die Lage angespannter», sagt er. «Bei meinem ersten Einsatz konnte ich noch jedes Dorf in diesem Distrikt bereisen, was wir damals auch getan haben. Inzwischen ist unsere Bewegungsfreiheit extrem eingeschränkt.» Angst hab er nicht, wenn er das Camp verlasse, sagt Holger. «Man hat ein gesundes Maß an Anspannung, ist hellwach und konzentriert sich auf seine Arbeit. Wir waren hier im Feuergefecht auch mit dabei. Man funktioniert, man denkt nicht über das nach, was in dem Moment passiert.»

Den Einsatz halte er «selbstverständlich» für sinnvoll, sagt Holger. «Sonst wäre ich nicht hier.» Zur Debatte in der Heimat, wo eine Mehrheit der Bevölkerung den Abzug der Truppen vom Hindukusch fordert, meint der Hauptbootsmann: «Diese Diskussion wird von Leuten geführt, die mit Sicherheit belesen sind, was diesen Einsatz betrifft, aber diese Umstände hier vor Ort nicht persönlich nachvollziehen können. Jeder, der versucht, sich ein Urteil darüber zu bilden, sollte sich hier mal zum Dienst melden.»

Der Konvoi hat schließlich den Fuß des Hügels erreicht, Holger stoppt den Dingo. Die Soldaten steigen aus, absitzen nennen sie das, und tragen ihre Ausrüstung auf die Höhe 431. Nach der Schlepperei steht Dustin trotz der Kälte der Schweiß auf der Stirn, der junge Mann gehört zur Ablösung und wird die nächsten Tage auf dem Hügel ausharren. Am linken Ärmel seiner Uniform hat er einen Aufnäher angebracht, auf dem in Anlehnung an die Modemarke Tommy Hilfiger «Taliban Hillfighter» steht, Hügelkämpfer gegen die Taliban.

Für viele Soldaten ist unverständlich, was der Luftangriff in Char Darah am 4. September vergangenen Jahres für eine Diskussion in Deutschland losgetreten hat. Den Angriff ordnete die Bundeswehr an, neben Taliban-Kämpfern starben auch Zivilisten. Der Bundestag setzte einen Untersuchungsausschuss ein, der Staatsanwalt nahm Ermittlungen auf. «Alle sind auf dem 4. September hängengeblieben», sagt Dustin zur Debatte in der Heimat. «Was in der Zwischenzeit schon wieder passiert ist oder wie uns auch die Taliban hier zusetzen, das interessiert dann zu Hause keinen mehr.»

Weiter meint Dustin, der seinen Dienstgrad nicht nennen will: «Ich spreche da für viele, glaube ich, die hier sind, da fühlt man sich schon im Stich gelassen.» Wenn er sehe, wie Soldaten anderer Nationen von der Bevölkerung in ihrer Heimat unterstützt würden, «dann ist das schon ganz traurig. Wir machen ja hier keine schlechte Arbeit. Aber die Deutschen werden meiner Meinung nach einfach zu wenig aufgeklärt über das, was hier passiert. Es sind ja auch gute Sachen. Wir treiben ja auch einiges voran hier.» Und diese Meinung herrscht nicht nur unter den Kampftruppen vor.

Militärseelsorger Mark im Camp in Kundus sagt: «Es frustriert einen schon, weil die Kameraden hier im Einsatz einen hervorragenden Job leisten.» Die Debatte in Deutschland sorge für Unsicherheit im Einsatz und sei gefährlich. Wenn ein Soldat aus Angst vor dem Staatsanwalt erst darüber nachdenke, ob er im Gefecht seine Waffe gebrauche, dann «kann das im Zweifelsfall das eigene Leben oder das Leben der Kameraden bedeuten. Und das belastet die Jungs und Mädels auf jeden Fall.» Ein Offizier kritisiert, den Einsatz «kann man nicht nach deutschem Friedensrecht messen. Das ist eine Lage, die die Soldaten in die Verzweiflung treibt. Die Diskussion wird von Leuten geführt, die wie die Blinden von der Farbe reden.»

Während Holger, Dustin und die anderen Soldaten Stellung an der Höhe 431 beziehen, freuen sich ihre abgelösten Kameraden auf die Rückkehr ins Feldlager, auf die Duschen, auf warmes Essen und auf ein Dach über dem Kopf. Drei Tage lang haben die Soldaten von der Schnellen Eingreiftruppe in der afghanischen Winterkälte unter freiem Himmel geschlafen und sich von EPAs ernährt, den Bundeswehr-Paketen mit Fertiggerichten. Die Belastung, sagt der QRF-Zugführer, sei hoch, die Soldaten seien immer kürzer im Camp und immer öfter draußen. Seit Oktober ist seine Kompanie in Kundus, der Zugführer hat den Überblick über die genaue Anzahl der Kämpfe seitdem verloren. «Fünf bis zehn Mal» seien die Soldaten in Feuergefechte mit den Taliban verwickelt gewesen, schätzt er.

Auch unter den QRF-Soldaten ist der Unmut darüber zu spüren, wie in Deutschland inzwischen über den Einsatz debattiert wird. Einer von ihnen meint, wenn er Taliban-Kämpfer in Selbstverteidigung töte, rufe das mehr Empörung in der Heimat hervor, als wenn er oder seine Kameraden von Aufständischen in die Luft gesprengt würden. Kurz darauf kommt ein Funkspruch aus einem der Panzerfahrzeuge des Konvois. Ein blauer Toyota Corolla mit roten Streifen steht ohne Fahrer am Straßenrand. Eine der Warnungen vor Autos, mit denen die Taliban Anschläge verüben wollen, passt genau auf diesen Typ.

Der Konvoi fährt an dem verdächtigen Wagen vorbei, ohne dass etwas passiert. «Wir müssen Rücksicht auf die Bevölkerung nehmen und ihnen durch unser Auftreten zeigen, dass wir für und nicht gegen sie da sind», hat Hauptbootsmann Holger schon auf dem Hinweg zur Höhe 431 gesagt. «Da gehört es natürlich auch dazu, dass man nicht auf jedes Auto schießt, das geparkt am Straßenrand steht.»

Der Konvoi der QRF passiert Kundus-Stadt, die Fahrer biegen kurz vor dem Stadttor nach links ab. Die Panzerfahrzeuge rollen über eine Allee, erklimmen die Anhöhe und erreichen das Plateau, auf der das deutsche Lager wie eine Festung liegt. Die QRF-Soldaten kehren vollzählig und unversehrt aus Char Darah zurück. Im Camp hat die Feldküche Rührei mit Kartoffeln und Spinat zubereitet, die Soldaten stärken sich. Während in der Heimat hitzig über das Engagement am Hindukusch und einen Abzugstermin der Truppen diskutiert wird, werden sie in wenigen Tagen wieder ausrücken - zum nächsten lebensgefährlichen Einsatz nach Char Darah.

Konflikte / Bundeswehr / Afghanistan
22.01.2010 · 23:06 Uhr
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