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Report: «Fünf Euro mehr? Lächerlich!»

Hartz-IV-Empfänger mit Erhöhung unzufriedenGroßansicht

Frankfurt (dpa) - Die Schlange vor der Essensausgabe der Frankfurter Tafel ist lang. «Zuerst kommen Eltern mit Kindern dran», sagt eine Mitarbeiterin. «Dann Behinderte, zuletzt alle Anderen.»

Karl Hermann Wegerhof gehört zu den «Anderen». Er steht in der Schlange im Gallusviertel, um etwas Obst, Gemüse und Brot zu bekommen. Künftig hat der Hartz-IV-Empfänger fünf Euro im Monat mehr auf dem Konto, wenn es nach dem Willen der Bundesregierung geht. Wie er das findet? «Lächerlich», sagt Wegerhof. «Der Winter steht vor der Tür, wie soll ich die Heizkosten zahlen? Da bringen mir auch fünf Euro mehr nichts.»

Die Hartz-IV-Regelsätze sind so berechnet, dass sie zum Überleben reichen, heißt es. Wegerhof ist da anderer Meinung: «Meinen Sie wirklich, die Leute würden hier Essen holen, wenn das Geld reichen würde?», ärgert sich der 64-Jährige. «Aber die Politiker wissen nicht, wie es ist, mit 364 Euro im Monat auszukommen.» Der Staat gebe den Armen zwar Geld, er nehme es ihnen aber wieder ab, etwa durch Versicherungen. Früher hat Wegerhof im Straßenbau gearbeitet, dann machte ihn ein Schlaganfall arbeitsunfähig. Jetzt ist er angewiesen auf die Hilfe des Staates. «Ich würde gerne arbeiten, kann es aber nicht mehr», meint er. «So schnell kann es gehen mit der Armut.»

Auch die ehemalige Erzieherin Renate Hort ärgert sich über den geringen Zuschuss: «Ich rauche nicht, ich trinke nicht, und trotzdem habe ich in der Mitte des Monats kein Geld mehr übrig». Genau wie Wegerhof ist auch sie krank und kann nicht arbeiten. «Um zu meinen regelmäßigen Untersuchungen ins Krankenhaus zu kommen, muss ich per Anhalter fahren, weil ich kein Geld für eine Fahrkarte habe», beschwert sie sich. «Aber solche Kosten werden nicht mit einberechnet.»

Für Petra Beck, Mutter von zwei Teenagern, sind die Kinder die Verlierer: «Bei der Berechnung von Hartz IV wird nicht daran gedacht, dass es auch andere Bedürfnisse gibt als Essen.» Jugendliche zum Beispiel würden in der Schule von Klassenkameraden gehänselt, wenn sie nicht mit der Mode gingen oder nicht mit den Freunden unterwegs sein könnten. «Meine Kinder können zwar vergünstigt ins Schwimmbad. Aber wenn ihre Freunde sich dann dort ein Eis oder eine Tüte Pommes kaufen, können sie nur zuschauen», erzählt sie weiter. «Und wie zum Teufel, soll ich das Geld für einen Friseurbesuch aufbringen?»

Die Schlange im Innenhof der «Maria Hilf»-Gemeinde wird länger. «Fünf Euro mehr im Monat? Da ist ja sogar die Erhöhung der Nahverkehrspreise höher! Den Aufwand hätte sich die Ursula von der Leyen auch sparen können», schimpft eine vierfache Mutter aus Frankfurt, über die Bundesarbeitsministerin.

Antonino Maglirisi nickt: «Das ist gar nichts. Man bräuchte mindestens 420 Euro im Monat, um halbwegs über die Runden zu kommen. Das Geld reicht vorne und hinten nicht aus.» Die Tafel sei ihre letzte Rettung.

Arbeitsmarkt / Soziales / Hessen
27.09.2010 · 22:37 Uhr
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