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Report: Ende einer Castor-Odyssee

Kehraus in GorlebenGroßansicht

Gorleben (dpa) - Selbst die Fahrer in ihren Blaumännern sehen müde aus, als sie die Tieflader zur letzten Castor-Etappe nach Gorleben besteigen. Fast zehn Stunden haben sie auf ihren Einsatz gewartet.

Als um 08.34 Uhr nach und nach die elf Behälter mit hoch radioaktivem Atommüll aus dem Verladebahnhof im niedersächsischen Dannenberg rollen, brüllt ein erboster Demonstrant: «Das ist eine Schande.»

In einem roten Ziegelstein-Haus, an dem die unerwünschte Fracht am Dienstagmorgen vorbeirollt, hängt, wie anderswo auch, das gelbe Schild: «Stopp Castor.» Das hat zwar wieder nicht geklappt, aber der Widerstand gegen die Atomkraft hat im Wendland nicht nur eine Renaissance erlebt, er hat eine neue Qualität erreicht. Rund 92 Stunden brauchte der Transport, der Freitag nahe der Wiederaufarbeitungsanlage La Hague in Nordfrankreich gestartet war - länger als jemals zuvor.

Es geht dann sehr schnell am Dienstag auf den 20 Straßenkilometern nach Gorleben. Polizisten reißen noch ein paar über die Felder im Morgennebel Richtung Straße stürmende Demonstranten nieder. Um 9.46 Uhr ist es vorbei. Begleitet von Pfiffen fahren die Transporter in das oberirdische Zwischenlager, wenig später schließen sich die Gitter. Bis zu 20 000 Polizisten waren laut Polizeigewerkschaft im Einsatz, der Transport war wohl der bisher teuerste. Es wird gefordert, das Land Niedersachsen bei der Zeche zu entlasten.

Erklärtes Ziel der Gegner war es, mit Blockaden den Castor so lange es geht aufzuhalten und die Kosten in die Höhe zu treiben. Union und FDP sollten ihrer Meinung nach merken, was sie sich mit der Laufzeitverlängerung um durchschnittlich zwölf Jahre eingebrockt haben.

Der niedersächsische Innenminister Uwe Schünemann (CDU) betont: «Die Polizisten sind bis an die Grenzen ihrer Belastung gekommen.» Nach Angaben der Atomkraftgegner gab es auf Seiten der Demonstranten mindestens 950 Verletzte. Die Polizei spricht von 131 verletzten Beamten, etwa durch Stein- und Flaschenwürfe.

Die Opposition fordert angesichts des beispiellos langsamen und schwierigen Castor-Transports, inklusive einer «Übernachtung» auf freiem Feld, den Müll nicht nahe des Zwischenlagers im Salzstock für immer einzulagern. Stattdessen sollten zum Beispiel in Bayern oder Baden-Württemberg Alternativen in Ton- oder Granitformationen geprüft werden, um am Ende den sichersten Endlager-Standort zu finden. Die Menschen im Wendland spüren eine deutlich wachsende Solidarität für ihren lange Zeit einsamen Widerstand.

Die Polizisten, von denen einige ihr Verständnis für das Anliegen der Protestler äußerten, waren in der Nacht zu Dienstag noch einmal stark gefordert worden. Nichts Böses ahnend, war am Abend ein Bier- Lastwagen durchgewunken worden. «Hütt Luxus Pils» sollte er laut Beschriftung geladen haben. Ein Pils, das «so herzerfrischend anders» sei. Anders war dann vor allem die Fracht. Direkt vor der Ausfahrtstraße vom Verladebahnhof Dannenberg, wo die elf Castor-Behälter vom Zug auf die Tieflader verladen worden waren, stoppte der Lastwagen.

Statt Freibier für geschlauchte Polizisten gab es die kniffligste aller Castor-Aktionen zum Schluss. Zwei Greenpeace-Mitglieder befanden sich versteckt hinter Leergutkisten in einer Betonkonstruktion, die auf die Castor-Transportstrecke abgesenkt und mit Stahlröhren an der Straße befestigt wurde. Erst nach knapp zwölf Stunden konnte die mit großem Gerät arbeitende Polizei die Männer um kurz nach sechs Uhr am Dienstagmorgen befreien.

Der Chef der Hütt-Brauerei aus dem nordhessischen Baunatal, Frank Bettenhäuser, fiel fast vom Hocker, als er den Transporter, den er im März verkauft hatte, im Fernsehen sah. Seine Lehre: Er verkauft keinen Lastwagen mehr, wo noch der Brauerei-Slogan drauf ist.

Ein Polizistin zollte Respekt für den Coup: «Das war der Oberknaller, echt 'ne geile Aktion.» Gegen die Aktivisten wird nun wegen versuchter Nötigung ermittelt. Greenpeace selbst betonte, das reihe sich «fantastisch» ein in die ganzen Anti-Castor-Aktionen.

Damit war der Weg aber noch nicht frei für den Castor: Vor dem Zwischenlager mussten die ganz Nacht über tausende Demonstranten von der Straße getragen werden. Bis zu 45 Stunden hatten sie dort zwei Nächte lang bei Minusgraden ausgeharrt und eine Party gefeiert.

Am Ende sind auch sie irgendwie froh, dass es vorbei ist, von «Gorleben 21» ist nun die Rede. Im nächsten Jahr soll der nächste Castor gen Wendland rollen - die Marke von 92 Stunden soll dann überboten werden. Bei der Ankunft der weißen Atommüll-Behälter in Gorleben steht auch Jochen Stay am Tor, einer der führenden Atomgegner Deutschlands. Sein Fazit aus dem viertägigen Katz- und Maus-Spiel: «Wir haben die Leute mit unseren Protesten zum Umdenken gebracht. Atomkraft ist wieder ein gesellschaftliches Thema.»

Castor-Ticker

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Greenpeace-Infos

Castor-Infos der Gesellschaft für Nuklearservice

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Atom / Transporte / Gorleben
09.11.2010 · 22:24 Uhr
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