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Report: Elf Kerzen für die Trauer - eine für die Hoffnung

Kerzen für die OpferGroßansicht

Berlin (dpa) - Die zwölfte der Kerzen nehmen Semiya Simsek und Gamze Kubasik vorsichtig in ihre Hände und tragen sie, vorbei an den 1200 Gästen im Berliner Konzerthaus, hinaus aus dem Saal - als Zeichen der Hoffnung zum Abschluss.

«Wir alle gemeinsam zusammen, nur das kann die Lösung sein», sagt Semiya, Tochter eines Opfers der Neonazi-Morde. Es geht um die Hoffnung, dass es nicht bei dieser Trauerfeier bleibt, sondern dass der Kampf gegen Rechts nach draußen getragen wird.

Zehn Kerzen für die Toten der Neonazi-Mordserie, eine für weitere, ungezählte und vielleicht unbekannte Opfer rechter Gewalt - und eine für die Hoffnung, dass diese Gesellschaft lernfähig sein möge.

Dort draußen, auf dem Gendarmenmarkt, steht ein Gruppe Demonstranten: «Nein zu Rassismus in Politik, Alltag und Institutionen», fordern sie. Drinnen sitzen die Spitzen des Staates, Angehörige der Toten, Abgeordnete, Diplomaten, Journalisten, vor allem viele Menschen, die sich engagieren gegen den Rechtsextremismus in Deutschland, dessen Gefahr von den Sicherheitsbehörden so lange unterschätzt wurde.

In der ersten Reihe sitzt auch Joachim Gauck, der künftige Bundespräsident. Er spricht nicht, noch ist nicht seine Zeit. Auch die Parteichefs, die ihn am Sonntag gekürt haben, nehmen ihn eher am Rande zur Kenntnis. Gauck ist hier als Vorsitzender der Initiative «Gegen Vergessen - für Demokratie». Vor einigen Wochen soll er eine zentrale Gedenkfeier für die Opfer der Zwickauer Neonazis noch kritisiert haben. Stattdessen forderte er mehr Unterstützung für Vereine und Initiativen an der Basis. Beides tut wohl not, zeigt dieser Tag - starke Symbole und konkrete Aktionen. Der Kampf gegen den Neonazi-Sumpf wird Gauck noch fordern.

Bundeskanzlerin Angela Merkel setzt den Ton: «Deutschland - das sind wir alle. Wir alle, die in diesem Land leben. Woher auch immer wir kommen.» Sie nimmt damit das Thema auf, das Ex-Bundespräsident Christian Wulff zu seinem eigenem gemacht hatte, als er die Zugehörigkeit des Islam zu Deutschland hervorhob - und nicht nur Beifall dafür erntete. Wulff hatte diese Gedenkfeier gewollt und gefördert. Er hätte die große Rede an diesem Tag halten wollen.

Nun ist es Merkel. Sie nutzt die Gelegenheit. Sie spricht die Versäumnisse der Behörden bei der Fahndung offen an, sie bittet die Angehörigen um Verzeihung für die vielen falschen Verdächtigungen. Sie thematisiert auch den Nährboden, auf dem die Nazi-Ideologie gedeiht, die «schleichende Verrohung des Geistes». Dass Polizei und Geheimdienste jahrelang lieber an Morde im Mafia- oder Drogenmilieu glauben wollten, erwähnt sie auch.

Bewegend sind die kurzen Auftritte der Angehörigen. Ismail Yozgat etwa hat seinen Sohn verloren - Halit starb in seinen Armen. Er möchte keine materielle Entschädigung, aber er wünscht sich, dass seine Straße in Kassel-Baunatal nach seinem Sohn benannt wird: Halit-Straße. Und Semiya Simsek erinnert an ihren toten Vater, der so gerne nachts im Garten gesessen hat, in der Türkei, und den Glöckchen der Schafe gelauscht hat. Ihr Vater wurde als Krimineller, als Drogenhändler verdächtigt. «Können Sie erahnen, wie es sich für meine Mutter angefühlt hat?»

Gamze Kubasik, auch sie hat ihren Vater verloren, zitiert den Dichter Nazim Hikmet: «Leben wie ein Baum, einzeln und frei und brüderlich wie ein Wald. Das ist unsere Sehnsucht.» Es ist der große Wunsch nach Gemeinsamkeit und Zusammenhalt, der diesen Tag in Berlin beherrscht. Merkel nennt es «starke Zivilgesellschaft». Und sie sagt: «Der Kampf gegen Vorurteile, Verachtung und Ausgrenzung muss täglich geführt werden.»

Ganz bewusst haben die Organisatoren der Gedenkveranstaltung auf religiöse Symbole verzichtet. Die Schauspieler Iris Berben und Erol Sander lesen sehr weltliche und doch starke Texte, darunter Bertolt Brechts Bitten der Kinder: «Die Häuser sollen nicht brennen. Bomber sollt man nicht kennen. Die Nacht soll für den Schlaf sein. Leben soll keine Straf sein. Die Mütter sollen nicht weinen.» Nicht nur Iris Berben hat Tränen im Gesicht.

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24.02.2012 · 12:34 Uhr
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