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Report: Bewährungsstrafe für Vater von Amokläufer

Fast fünf Monate dauerte der Prozess gegen den Vater des Amokläufers. 29 Verhandlungstage mit genauen Beschreibungen der Bluttat haben die Eltern und Geschwister der Opfer durchgemacht.Großansicht

Stuttgart (dpa) - Es ist eine nervenzerreißende Geduldsprobe im Saal 1 des Landgerichts Stuttgart. Die Hinterbliebenen der Opfer des Amoklaufs von Winnenden müssen lange warten - ein Anwalt der Nebenklage fehlt.

«Können die Psychologen für unsere Kinder noch in den Saal?», fleht eine Mutter eine Justizbeamtin vor der Tür an. «Wir können nicht für jeden eine Extrawurst braten», heißt die erste Antwort, doch dann dürfen die Therapeuten doch noch kommen. Fast fünf Monate hat der Prozess gegen den Vater des Amokläufers gedauert, 29 Verhandlungstage mit genauen Beschreibungen der Bluttat haben die Eltern und Geschwister der Opfer durchgemacht - und jetzt das.

Um 9.30 Uhr sollte die Verkündung des Urteils beginnen, doch erst um 10.16 Uhr geht die Saaltür endlich zu. In der letzten Zuschauer-Reihe sitzt der Stuttgarter Generalstaatsanwalt Klaus Pflieger. Er hat als treibende Kraft dafür gesorgt, dass es überhaupt zum Prozess gekommen ist. Ursprünglich wollten es die zuständigen Staatsanwälte bei einem Strafbefehl belassen. Doch Pflieger wies eine Anklage wegen fahrlässiger Tötung, fahrlässiger Körperverletzung und Verstoßes gegen das Waffengesetz an. Er wollte ein «generalpräventives Signal».

Das verkündet Richter Reiner Skujat am Donnerstagvormittag: Der 52-jährige Unternehmer erhält eine Freiheitsstrafe von einem Jahr und neun Monaten auf Bewährung. Das heißt: Der Sportschütze muss nicht hinter Gitter. Die Angehörigen der Opfer halten die Luft an und seufzen. Es ist der Schlusspunkt eines einmaligen Prozesses in Deutschland, bei dem ein Unbeteiligter nach einem Amoklauf vor Gericht stand und verurteilt wurde.

Das Gericht bleibt mit seinem Urteil hinter der Forderung der Staatsanwaltschaft nach zwei Jahren Gefängnis auf Bewährung. Der Vater von Tim K. hatte die Pistole, mit der sein Sohn 15 Menschen und sich selbst erschoss, unverschlossen im Schlafzimmer aufbewahrt. Der 17-jährige Tim K. verübte das Massaker am 11. März 2009 an seiner früheren Realschule in Winnenden und auf der Flucht nach Wendlingen.

Keine Strafe kann diese Tat sühnen, darin waren sich die Hinterbliebenen vor Verkündung des Urteils einig. Doch die Eltern der getöteten Schüler gingen mit unterschiedlichen Erwartungen in den Gerichtssaal, in dem Richter Reiner Skujat am Donnerstag den einmaligen Prozess gegen den Vater des Amokläufers Tim K. beendete. Hardy Schober vom Aktionsbündnis Amoklauf Winnenden sprach aus, was viele hofften. «Und wenn es nur für ein Vierteljahr ist, aber er muss ins Gefängnis.»

Der Anwalt der Nebenklage, Jens Rabe, baute dagegen vor, um eine mögliche Enttäuschung in Grenzen zu halten. «Die Frage des Strafmaßes ist sekundär», meinte er. Am wichtigsten sei, dass das Gericht ein klares Signal gebe und der Vater nicht nur wegen Verstoßes gegen das Waffengesetz verurteilt werde, sondern auch wegen fahrlässiger Tötung - was nun auch geschah. «Der Prozess war für die Hinterbliebenen emotional sehr belastend, gleichwohl aber hilfreich», erklärte der Anwalt. Sie hätten unter anderem erfahren, wie ihre Kinder genau zu Tode gekommen seien.

Der Anwalt Thomas Franz, der ebenfalls Hinterbliebene vertritt, setzt darauf, dass der Abschluss des Verfahrens nun auch den Betroffenen mehr Ruhe bringt. «Ich hoffe es zumindest.»

Prozesse / Amoklauf / Urteile
10.02.2011 · 12:30 Uhr
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