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Report: «Armut macht traurig»

Sie leben von Hartz IV: Familie Kerber-Schiel im Wohnzimmer ihrer Wohnung in Dortmund.Großansicht
Köln (dpa) - Schäbige Hochhäuser, triste Betonwüste, kein Grün. Wer hier wohnt, hat keine andere Wahl. Meschenich am Kölner Stadtrand ist kein Ort für Kinder, aber gerade hier leben besonders viele.

Jungen und Mädchen aus Migrantenfamilien, Kinder mit ihren allein erziehenden Müttern. Kinder, die sich zu dritt ein Schlafzimmer teilen, die draußen kaum Platz zum Spielen oder Toben haben. Auch Eva (35) lebt hier mit ihren zwei Jungs, extrem zurückgezogen. «Meine Kinder schämen sich für unsere Armut. Das tut mir als Mutter entsetzlich weh.» Sie hofft auf die Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts.

Karlsruhe will dann über die Hartz-IV-Sätze für Kinder entscheiden, nachdem Familien aus Bayern, Hessen und Nordrhein-Westfalen geklagt haben. «Wir leben sehr sparsam, verzichten auf vieles. Es ist oft Stress, nein, es ist Kampf», erzählt Eva, die ihren echten Namen nicht nennen will. «Wenn wir ein bisschen mehr Geld über Hartz IV bekommen würden, könnte ich das in Nachhilfe stecken. Mein Älterer ist etwas abgesackt, er hat Schwierigkeiten, aber Nachhilfe ist zu teuer, dafür müsste ich Schulden machen.»

Kinderarmut in Deutschland - einem der reichsten Länder der Welt - hat dramatisch zugenommen. Wohlfahrtsverbände, DGB, Kirchen, UNICEF, Kinderschutzbund - alle fordern endlich energische Schritte dagegen. Nach dem jüngsten Bericht der Bundesregierung (2008) sind 1,8 Millionen Kinder statistisch arm, das sind zwölf Prozent aller unter 15-Jährigen. Die Nationale Armutskonferenz geht von drei Millionen armen Kindern und Jugendlichen aus - doppelt so vielen wie 2004.

Eva bekommt den Hartz-IV-Regelsatz von 359 Euro zur Sicherung des Lebensunterhalts, ihre Kinder - 11 und 13 Jahre alt - jeweils 70 Prozent dieser Summe. Evas Mann schlug sie und die Kinder, seit sieben Jahren leben sie nun allein, in einer winzigen Wohnung im zehnten Stock. «Ich habe geputzt, im Imbiss gearbeitet, alles, was ich körperlich geschafft habe, aber ohne Ausbildung ist es schwer. Was ich mir am meisten wünsche, ist, dass meine Jungen einen guten Abschluss schaffen, dass sie einen Beruf finden und hier rauskommen, dass sie auf eigenen Füßen stehen.»

Kinder sind im Wachstum, entwickeln sich - und brauchen deshalb mehr Geld als Erwachsene, findet Eva. «Ich selber gehe in die Kleiderkammer, anonym. Aber meine Kinder wollen keine gebrauchten Sachen mehr vom Flohmarkt. Es ist ihnen peinlich, weil die anderen in der Klasse mit Markensachen rumlaufen.» Als ihr Jüngerer eines Tages aus dem Sportverein nach Hause kommt, merkt Eva, dass er geweint hat. «Später hat er mir erzählt, dass er ausgelacht wurde, weil er ein Loch im Schuh hatte. In den Verein ist er nie mehr gegangen.»

Die Kränkungen sind schmerzhaft. Schlimmer noch als der Verzicht, der den Alltag der Familie regiert. Die Drei sparen bei Licht und Strom, Eva geht abends einkaufen, weil dann Brot und frische Sachen preisreduziert sind, und hält monatelang vorher das Geld zusammen, wenn ein Schulausflug ansteht. «Wir sind noch nie zusammen in Urlaub gefahren. Meine Kinder sind unglücklich, wenn Sommerferien sind und alle verreisen. Armut macht traurig und einsam.» Freunde einladen mag man in so eine kleine Wohnung ja auch nicht.

Ein paar Betonblocks weiter bietet Caritas-Mitarbeiterin Birgit Thielen den Missständen die Stirn. Für 30 Kinder gibt es Mittagessen und Hausaufgabenbetreuung gratis. «Es fehlt an allem. Die ewig aufgetragenen Kleider werden von Geschwister zu Geschwister weitergegeben. Viele haben keine ordentlichen Schuhe oder Schultaschen, da kriegen wir oft noch was über Sammlungen hin», erzählt die Sozialarbeiterin. «Eine Hartz-IV-Erhöhung wäre wirklich wichtig und sinnvoll.»

Der Kölner Armutsforscher Prof. Christoph Butterwegge mahnt, ohne ein beherztes Gegensteuern werde sich das Problem weiter verschärfen. «Armut ist auch Ausgrenzung.» Die negativen Auswirkungen auf Gesundheit und Bildung seien hinlänglich bekannt, es müssten endlich Taten folgen.

Auch für Eva und ihre Jungs drängt die Zeit: «Wir streiten immer mehr, meine Kinder fragen mich fast jeden Tag: "Warum haben die anderen Geld, nur wir können uns nichts leisten." Das quält mich, ich weine viel, aber heimlich - meine Kinder sollen nichts merken, sie leiden schon genug.»

Prozesse / Soziales / Kinder
09.02.2010 · 22:54 Uhr
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