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Report: Ärzte kapitulieren vor der Atomkatastrophe

Der Tübinger Katastrophenmediziner Bernd Domres kapitulierte vor der Atom-Katastrophe in Japan.

Tübingen (dpa) - Er wollte den Erdbebenopfern in Japan helfen - aber vor der Atomkatastrophe in dem teilweise zerstörten Land musste er kapitulieren: Nach nur 72 Stunden in Japan ist der Tübinger Katastrophenmediziner Bernd Domres unverrichteter Dinge wieder nach Deutschland zurückgekehrt.

Der Gefahr einer atomaren Verstrahlung habe er sein Team auf keinen Fall aussetzen wollen, sagte der 72-Jährige. «Da gibt es gar keine Diskussion: Die Sicherheit des Teams ist das Wichtigste.»

Domres war auf vieles eingestellt: Er kennt die Not der Menschen nach einer Katastrophe. Und er kennt auch das Gefühl, als Arzt nur vergleichsweise wenig gegen ein solches Elend ausrichten zu können. Schon rund 15 Mal war er in Erdbebenregionen, um den Opfern zu helfen. Aber die Gefahr durch die Atomkatastrophe in Japan war etwas völlig Neues für den erfahrenen Arzt.

Gerade mal acht Stunden, nachdem am Freitag die schweren Erdstöße und der Tsunami Teile Japans verwüstet hatten, saß Domres schon im Flugzeug. «Meine Frau hat nur gefragt: «Was willst Du denn da machen?»», erzählt er. Ganz genau habe er das zu diesem Zeitpunkt selbst nicht gewusst. Aber er wollte helfen, irgendwie. Domres ist Präsident der Stiftung des Deutschen Instituts für Katastrophenmedizin. 100 Ärzte hätte die Organisation nach Japan schicken können, wenn es sinnvoll gewesen wäre. Domres war sozusagen die Vorhut.

Also packte er ein paar Hemden ein, verabschiedete sich von seiner Frau und nahm mit einem kleinen Team den nächsten Flug nach Tokio. Tempo ist wichtig für Domres. Der Chirurg, der 23 Jahre lang als Professor an der Universitätsklinik Tübingen tätig war, ist spezialisiert auf die ersten Tage und Wochen nach einem Unglück. «Wir hatten genug Medikamente und Material dabei, um eine Gruppe von 2000 bis 3000 Menschen 14 Tage lang behandeln zu können.»

Aber so weit kam es gar nicht. Schon am Flughafen war Schluss für den Katastrophenmediziner. Es habe einfach keine Möglichkeit gegeben, die Unglücksregion überhaupt zu erreichen, erzählt der 72-Jährige. Außerdem hatte sich die Lage an den Atomreaktoren während des langen Flugs deutlich zugespitzt. «Man hätte Schutzanzüge und Masken haben müssen, aber die hatten wir nicht.» Wegen der Gefahr einer atomaren Verstrahlung hatten die japanischen Behörden die meisten ausländischen Helfer auch gar nicht erst ins Land reisen lassen. Domres blieb nichts anderes übrig, als am Flughafen zu bleiben. «Wir waren schon sehr frustriert und deprimiert.»

Drei Tage und drei Nächte verbrachte der 72-Jährige in einer Wartehalle. Geschlafen wurde wenig. Zwar seien Decken ausgeteilt worden, aber liegen mussten die Menschen trotzdem auf dem Boden. Auf dem Flughafen war es brechend voll, weil Tausende versuchten, Japan irgendwie zu verlassen. «Und trotzdem waren die Japaner absolut ruhig, diszipliniert und höflich», berichtet Domres. Überall liefen Fernseher mit den Berichten über die sich zuspitzende Lage in den Atomreaktoren. «Irgendwann mussten wir uns dann eingestehen: Das hat keinen Sinn.»

Nach 72 Stunden auf dem Flughafen von Tokio reiste der Tübinger Arzt nach Deutschland zurück. Enttäuscht sei er, weil er nicht helfen konnte. Aber er sei auch zuversichtlich: Die medizinische Versorgung in Japan funktioniere noch erstaunlich gut. In den Teilen des Landes, die von dem Tsunami verschont blieben, könnten die Krakenhäuser relativ normal arbeiten. Wenn die Monsterwelle auch die deutlich ärmeren Küstenregionen Indonesiens oder der Philippinen erreicht hätte, dann wäre das Elend jetzt noch viel größer, sagt Domres.

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Lebenslauf Domres
Atom / Deutschland / Japan
16.03.2011 · 11:47 Uhr
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