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Reisende: Chaos auf der «Costa Concordia»

Schiffsunglück «Costa Concordia»Großansicht

Kleinostheim/Nortorf (dpa) - Zuerst gingen die Lichter auf der «Costa Concordia» aus, dann bekam der Kreuzfahrtriese Schlagseite. Reisende erzählen von ihren Erlebnissen auf dem Unglücksschiff.

Mehrere Passagiere des havarierten Kreuzfahrtschiffes berichten von chaotischen Zuständen auf dem sinkenden Schiff. Nach einem Stromausfall habe zunächst eine «gespenstische Totenstille» auf dem Schiff geherrscht, sagte Peter Stenger, Chef eines Reiseveranstalters aus dem fränkischen Alzenau, am Montag. Bei dem Unternehmen hatten Kunden aus Bayern und dem Rhein-Main-Gebiet die achttägige Kreuzfahrt gebucht.

Die Rückkehrer erzählten Stenger von der Dramatik an Bord. Die Rettungsboote seien kurz nach dem Unglück für 45 Minuten gesperrt gewesen. Das Personal habe die Gäste daran gehindert, in die Boote zu steigen. «Bis die Gäste so massiv geworden sind und das Personal zur Seite geschoben haben. "Wir gehen da jetzt rein und lassen sie uns runter. Wenn Sie es nicht tun, machen wir es selbst". Die haben dann nachgegeben», erzählte der Chef von Stewa-Touristik.

Zwei Ehepaare aus dem Norden, die bei dem Unglück mit dem Schrecken davonkamen, erhoben schwere Vorwürfe gegen die Schiffsführung. In dem Chaos hätten nur die unteren Dienstgrade zu helfen versucht, sagte Herbert Rohwedder aus Nortorf (Schleswig-Holstein) am Montag der Deutschen Presse-Agentur. Auch diese hätten allerdings nur wenig Ahnung gehabt, wie man die Rettungsboote zu Wasser lässt, sagte er.

Nach dem Unglück sei das Licht ausgegangen. «Wir hatten nicht gewusst, was ist und wo wir genau sind, glaubten mitten auf See zu sein», sagte der 64-Jährige. Etwa eine Viertelstunde dauerte es laut Rohwedder, bis eine Durchsage kam: «Sie sprachen von einem technischen Defekt, es gebe keinen Grund zur Panik, sie hätten alles unter Kontrolle und so weiter.»

«Plötzlich merkten wir, das Schiff geht nach hinten ab, es bekam immer mehr Schräglage und hob sich vorne an und ging immer mehr auf die Steuerbordseite rüber - und dann gab es den richtigen Alarm.» Die Rettungsboote wurden bereitgemacht, alle sollten hinein, «zuerst Kinder und Frauen, wie sich das gehört». Rohwedder und Gerhard Looft halfen ihren Frauen Telse und Birgit ins Boot. Die Männer eilten weiter, bis sie selbst eins fanden.

Wie Rohwedder erst Stunden später erfuhr, bekam die Besatzung das Boot mit den Frauen aber nicht zu Wasser. Birgit und Telse sollten wie alle anderen das Boot wieder verlassen, rannten zur anderen Schiffsseite. «Als das Wasser halb die Beine hochkam, haben sie gesagt, so jetzt müssen wir da rein, nützt nichts», sagte Rohwedder über die Erlebnisse seiner Frau. Wegen der Dunkelheit wussten sie nicht, wie nah das Land war - nur etwa 100 Meter.

«Meine Frau und Birgit haben sich dann in Rückenlage aneinander festgehalten, sind losgepaddelt. Bloß weg, damit sie nicht vom Schiff noch erdrückt werden.» Das Rettungsboot der beiden Männer kam zu Wasser, nach wenigen Minuten waren sie an Land. «Die Schiffsführung hat total versagt», resümierte Rohwedder. «Es herrschte nur Chaos.»

Auch der Chef des Reiseveranstalters aus Alzenau sprach von ähnlichen Erlebnissen seiner Kunden. In einem Fall habe sich das Rettungsboot so an der Verankerung verhakt, dass es plötzlich meterweise in die Tiefe sauste und schließlich zu einer Seite absackte. «Dabei hat es sich um 45 Grad gedreht, so dass die ganzen Leute, die darin waren, in eine Ecke gedrängt wurde. Da gab es dann einen Nasenbeinbruch und Platzwunden», sagte Stenger. Eine Frau mit einem künstlichen Hüftgelenk habe gemeinsam mit ihrem Mann mehr als eine Stunde lang an der Außenwand an einer Strickleiter gehangen, bevor sie gerettet wurde.

Eine Reisende aus Bayern schilderte die Augenblicke nach dem Kentern laut «Antenne Bayern» wie folgt: «Wir sind im Schiffsinneren runtergerutscht auf die andere Seite des Decks. Es ging nur abwärts und dann stand das Wasser schon vor uns. In der Passage habe ich dann meine Freundin verloren». Sie selbst habe durch das eiskalte Wasser schwimmen und sich leicht verletzt auf die nahe gelegene Insel Giglio retten können.

Schifffahrt / Unfälle / Italien
16.01.2012 · 22:02 Uhr
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