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Rechtsprofessor: Hemmschwelle für Plagiate sinkt

München (dpa) - Wissenschaftler schreiben immer hemmungsloser ab, meint der Münchner Jura-Professor und Plagiatsexperte Volker Rieble. Dagegen helfe vor allem Abschreckung, meint der Autor des Buchs «Das Wissenschaftsplagiat» (Verlag Vittorio Klostermann) im Interview mit der Nachrichtenagentur dpa.

Wie häufig ist denn das Abschreiben in der Wissenschaft?

Rieble: «Es nimmt nach meiner Einschätzung zu, die Hemmschwelle sinkt. Es wird aus meiner Sicht immer ungenierter plagiiert. Auf der anderen Seite ist das Plagiat in Kunst und Literatur eine uralte Erscheinung, das gibt es schon seit den Römern, daher kommt ja auch das Wort. Aber in der Wissenschaft nimmt es zu, weil immer mehr Wissenschaftler immer mehr publizieren müssen und gleichzeitig nicht genug Ideen und Gedanken haben. Gleichzeitig gibt es diese grassierende Sucht nach dem Doktortitel, jeder möchte promoviert sein, und nicht immer fallen Promotionsneigung und -eignung zusammen.»

Und wie geht die Wissenschaftsgemeinde damit um?

Rieble: «In der Wissenschaft gibt es ein beredtes Schweigen über Plagiate. Sie sind recht häufig und sie beschädigen die Wissenschaft, aber viele Plagiatoren sind ihrerseits Wissenschaftler, so dass man meistens verschämt über die Fälle hinweggeht. Die wenigsten schaffen es in die Feuilletons, und die meisten Plagiate werden universitätsintern verhandelt und stillschweigend beerdigt.»

Welche Mittel gibt es gegen das Plagiieren?

Rieble: «Sie müssten bei den Leuten die Einsicht erwecken, dass es besser ist, die Texte selber zu schreiben. Dazu könnte man theoretisch versuchen, an der Universität mehr Bewunderung für Wissenschaftsethik zu wecken, aber das ist aus meiner Sicht ein eher haltloses Unterfangen. Ich setzte eher auf Abschreckung. Was ich glaube, was relativ gut funktioniert, ist erstens bei Prüfungsplagiaten die erschlichenen Titel zu entziehen, und das Zweite ist, dass man es öffentlich macht. Je mehr Plagiate an die Öffentlichkeit kommen, desto stärker ist der Abschreckungseffekt. Es ist ja unangenehm, genannt zu werden. Und dieses Unangenehme ist eine Abschreckung.»

Ab wann hat ein Plagiat juristische Bedeutung?

Rieble: «Nun, es gibt den Rechtsbegriff der Urheberrechtsverletzung, da können dann andere Autoren, bei denen der Plagiator geklaut hat, sich verwahren, dagegen wehren, sogar Strafanzeige erstatten, das ist alles möglich. Und natürlich gibt es einen Rechtsbegriff der Prüfungstäuschung. Den gibt es in den Prüfungsordnungen, also auch dann, wenn Sie eine Magisterarbeit oder Diplomarbeit plagiieren, müssen Sie auch damit rechnen, dass Ihnen der Magister oder das Diplom entzogen wird. Und selbstverständlich ist eine abgeschriebene Dissertation oder auch nur in Teilen abgeschriebene Dissertation Anlass für ein entsprechendes Prüfungskontrollverfahren.»

Verteidigung / Wissenschaft / Guttenberg
16.02.2011 · 22:27 Uhr
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